Review

Thief

Genre: Stealth | Plattformen: PS3/4, X-Box 360/One, PC | USK: ab 16

Alle Jahre wieder werden wir Zeuge eines fragwürdigen Spektakels, wenn ein Videospiel regelrecht Opfer einer modernen Hexenjagd wird. Weil es sich als Fortsetzung zu sehr von den Vorgängern abhebt, etwas Neues ausprobiert, lehnen sich internationale Tester und Alt-Fans gegen diese Blasphemie auf. Greifen zur Wertungskeule, machen Stimmung mit teils sonderbaren Kritikpunkten, die nicht nur an den Haaren herbeigezogen wirken, sondern einfach nicht der Wahrheit entsprechen. Und auch der eine oder andere namenlose Titel wird an den Pranger gestellt, als Exempel, um die Höchstnoten diverser AAA-Titel zu relativieren. So erinnere ich mich noch sehr gut daran, wie ein renommiertes deutsches Magazin das erste Abenteuer des „Witcher“ Gerald abstrafte, um nach dem Shitstorm der begeisterten Spieler die Wertung nachträglich anzupassen. Und nachdem zahlreiche Alt-Fans kein gutes Haar am Reboot von Tomb Raider ließen, befindet sich nun ein weiteres Spiel aus dem Hause Square Enix auf dem Scheiterhaufen: Der Meistdieb Garrett. Dieses Mal womöglich gar zu Recht oder ist „Thief“ nur ein weiteres Unschuldslamm, das aus Trotz brennen muss?

Der teure Weg der eigenen Meinungsbildung

Ich gebe zu, auch mich haben die Wertungen in der Tat verunsichert. Habe ich mich so in den Trailern getäuscht? Wurden nur die stimmigen Schauplätze herausgepickt, um ein tolles Produkt vorzugaukeln? So erging es mir zumindest anno dazumal mit dem allerersten „Unreal“. Und 60 Euro schmeißt man auch nur allzu ungern für einen Fehlkauf aus dem Fenster heraus. Einfach auf die Reviews hören? Nein, denn sonst hätte ich Titel wie Alice: Madness Returns wohl nie angefasst und den einen oder anderen Geheimtipp verpasst. Aber ich habe mir zumindest für einen gewissen Überblick mehrere Berichte durchgelesen und wurde insofern skeptisch, da sich manche Pro- und Kontrapunkte deutlich widersprachen. Meine Zweifel wandelten sich in Neugier und schließlich blätterte ich den Preis für diesen vermeintlichen Verriss hin, um mich von der Objektivität mancher Schreiber überzeugen zu können.

Es ist nicht alles Gold was glänzt

Die Kulisse von „Thief“ ist einfach herrlich. Das viktorianische England mit seinen finsteren Gassen und schmutzigen Häusern, dem stimmigen Interieur. Stets ist die exzellente Umgebung von den wenigen Lichtquellen perfekt ausgeleuchtet, nämlich nur minimal. Es ist unglaublich atmosphärisch, selbst zum Schatten zu werden und ungesehen im Schutz der Dunkelheit zu schleichen. Zumal die LED-Leuchte des PS4-Controllers grell aufleuchtet, wenn ich mich gut sichtbar im Licht befinde. Ihr meint, es ist unrealistisch, dass die Wachen mich nicht sehen, wenn ich an ihnen vorbeihusche? Dann schraubt die Bildschirmhelligkeit, wie vom Spiel gewünscht, entsprechend herunter und ihr werdet euch wundern, wie wenig ihr selbst noch sehen könnt. Und dass sich fast nur Wachen auf den Straßen befinden, ist angesichts der mysteriösen Seuche und des verhängten Kriegsrechts wohl auch nicht ungewöhnlich, oder? Aber es heißt doch, dass die Menschen arm sind, warum liegen so viele Wertgegenstände herum? Schaltet man das Glänzen der Sammelgegenstände nicht aus, könnte schnell ein prunkvoller Eindruck entstehen. Doch stecke ich die vielen Flachmänner, Kerzenständer, Löffel, Zahnräder, Brieföffner und andere alltägliche Gegenstände ein, die auch nur sehr wenig Geld einbringen, habe ich nicht das Gefühl, dass die Bewohner in purem Luxus schwelgen. Gut, gelegentlich sind sehr hübsche Schmuckgegenstände knifflig versteckt, die zweifelsfrei wertvoll sind. Jedoch betrachte ich sie zum einen als aus spielerischer Sicht angemessene Beute, zum anderen kann man Schmuck auch in schlechten Zeiten nicht essen und die Geschichte zeigte immer wieder, dass Menschen ihre Wertgegenstände versteckten und sie nicht gegen einen Sack Kartoffeln eingetauscht haben. Und dass sich die vielen Schubläden, Vitrinen und Schränke öffnen lassen, erinnert angenehm an das Action-Adventure „Shenmue“.

Apropos Beute, das Schlösserknacken ist doch viel zu leicht! Oder nicht? Ohne visuelle Hilfe sind besonders schwierigere Schlösser recht anspruchsvoll, wenn das sanfte Vibrieren des Controllers kaum zu spüren ist. Müssen diese Schlösser zudem geöffnet werden, wenn eine Wache patrouilliert, liegt es nicht zuletzt an der nervenkitzelnden Musik, dass die Hände zu schwitzen beginnen. Da braucht man keinen zerbrechenden Dittrich à la „Oblivion“, die man im Dutzend im Inventar hortet, zumal Garret ohnehin ein Meisterdieb und eine gewisse Fingerfertigkeit somit absolut glaubhaft ist.

Aber irgendwelche Kritikpunkte muss es doch geben?!

Sicher. Auch wenn das Leveldesign sehr authentisch wirkt und sich die Umgebung trotz manch verschlossener Tür nur selten schlauchig anfühlt, insofern die Umgebungskarte deaktiviert ist, so sind die kurzen Ladesequenzen zwischen den Stadtteilen und Gebäuden zwar nicht lästig, mittlerweile aber kein Standard mehr. Etwas mehr Bewegungsfreiheit hätte „Thief“ auch nicht geschadet, denn das Körpergefühl ist äußerst gelungen. Könnte man sich ähnlich sportlich wie Faith aus „Mirror’s Edge“ bewegen, hätte das für mehr Dynamik gesorgt. Dennoch kann man viele Kisten und Vorsprünge erklimmen, um so alternative Vorgehensweisen zu finden.

Leider ist auch die professionelle Vertonung nicht immer ganz lippensynchron. Ein unnötiger Schönheitsfehler. Schön wiederum ist, dass die doch nicht so doof agierende K.I., als die sie gerne verkauft wird, je nach Situation sehr abwechslungsreiche Kommentare abgibt. Während sich die Texturen meist blicken lassen können, wirken die Gesichter leicht altbacken. Hinzu kommen nervige Ruckler in den Zwischensequenzen des Prologs, die sich zum Glück schnell geben und hoffentlich durch einen nachgereichten Patch irgendwann ganz verschwinden.

Die Steuerung ist generell sehr einfach handzuhaben, bloß die Item-Auswahl mit dem Touchpad der PS4 ist etwas gewöhnungsbedürftig ausgefallen. Hat man aber den Dreh raus, dass die Items auf dem Bildschirm quasi entsprechend auf dem Touchpad angeordnet sind und eine winzige Bewegung ausreicht, diese auszuwählen, geht auch die Item-Auswahl relativ gut von der Hand.

Und die vielen Optionen sind nett gemeint, ermöglichen auch unerfahrenen Schleichern einen schnellen Einstieg - bei einem Fehltritt können sie sich durch die Wachen hindurchmetzeln. Allerdings entfaltet „Thief“ erst auf gehobenem Schwierigkeitsgraden seine volle Stärke.

Trailer

Benny

Fazit

„Thief“ ist ein Paradebeispiel dafür, dass man nicht einfach blindlings auf die Meinung der vor Wut schäumenden Fachpresse beziehungsweise der enttäuschten Alt-Fans unkritisch vertrauen sollte. Selbstverständlich ist es ärgerlich, wenn bewährte Mechaniken über Bord geschmissen werden. Doch Stillstand bedeutet Rückschritt. Und wer möchte schon immer und immer wieder Altbekanntes aufgewärmt serviert bekommen? Manchmal ist es halt sinnvoll, sich von unnötigem Ballast zu trennen und so das Spiel eingängiger zu gestalten. Und auch wenn die Fortsetzung eines Meisterwerks nicht den hohen Erwartungen gerecht wird, so sollte man auch sich selbst zuliebe so offen sein, dem Endergebnis zumindest reale Chance zu geben. Denn sonst verpasst man lediglich den einen oder anderen Geheimtipp. „Thief“ ist unterm Strich ein gelungenes Stealth-Spiel geworden, das zwar hier und da Potenzial ungenutzt ließ, aber völlig grundlos verteufelt wird.

Wertung: 8.0

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