Review

inFamous: Second Son

Entwickler: Sucker Punch | Genre: Action Adventure | Plattform: PlayStation 4 | USK: ab 16

Mit dem Karmasystem wurde das Rad zwar nicht neu erfunden, doch in Kombination mit Superkräften und einer offenen Welt war inFamous auf der PlayStation 3 allemal ein Blick wert. Einige Stunden habe ich mich als Cole McGrath in der fiktiven Stadt Empire City aufgehalten, bis die Motivation leider recht bald abriss. Ich konnte keine Sympathie zur Hauptfigur aufbauen, die Stadt war optisch auf Dauer zu monoton und auch die Handlung schaffte es nicht, mich in ihren Bann zu ziehen. Teil 2 ließ ich dann ganz aus. Da mich das Videomaterial zum dritten Ableger wieder neugierig machte und es sowieso ein großer Fehler sein kann, um eine Serie permanent einen großen Bogen zu machen, wagte ich erneut einen Blick.

My name is Delsin

Weil der Protagonist Delsin Row, ein gut aufgelegter Taugenichts mit lockerem Mundwerk, das Willkommensplakat des neuen Sheriffs mit Sprühdosen verunstaltet und von diesem dabei auf frischer Tat ertappt wird, ist ein Alibi nutzlos. Ebenso die Flucht, denn Sheriff Reggie Rowe ist Delsins Bruder, das weiße Schaf der Familie, der ganz genau weiß, wohin sich sein kleiner Bruder verkrümelt. Als in der Hitze der Diskussion zufällig ein Gefangenentransporter von der Straße abkommt, eskaliert die Situation. Drei Conduits, Menschen mit Gendefekten, die ihnen übernatürliche Kräfte verleihen, nehmen Reißaus. Einen der Conduits können Delsin und Reggie stellen, dem es aber aufgrund seiner feurigen Fähigkeiten gelingt, Delsin als Geisel zu nehmen. In seiner Notlage macht sich auch bei Delsin ein Gendefekt bemerkbar, denn plötzlich absorbiert er die Kraft des Verbrechers und kann fortan Rauch und Feuer manipulieren. Einige Scharmützel später trifft die Direktorin des „Department of Unified Protection“, kurz D.U.P., ein, eine Organisation, die Conduits aufgrund ihres Gefahrenpotenzials kriminalisiert und in speziellen Einrichtungen verwahrt. Wegen Delsins loser Zunge entgleitet auch die Befragung der Direktorin Augustine, die nicht nur den halbstarken Helden, sondern alle anwesenden Zeugen mit ihrer Betonkraft abstraft. Da im Gegensatz zu seinen Mitmenschen bei ihm die, mit der Betonkraft zugefügten Wunden, nach wenigen Tagen verheilt sind, fasst er den Entschluss, die Kraft der Direktorin ebenfalls aufzusaugen, um so die Verletzten daheim zu heilen. Sein Reiseziel: Seattle.

Der Auftakt ist exzellent in Szene gesetzt worden: Intuitive Spieleszenen wechseln sich dramaturgisch gekonnt mit kinoreife Zwischensequenzen ab, die nicht nur mit ihren teils witzig geschriebenen Dialogen punkten, sondern vor allem von der großartigen Mimik der Charaktere leben. Jede Emotion sitzt, ist glaubhaft, so dass die verschiedenen Personen sehr lebendig wirken. Der enorme Aufwand des Motion Capturing hat sich ausgezahlt! Und weil die flotten Sprüche von Delsin immer wieder zum Schmunzeln anregen, fiel es mir dieses Mal zum Glück überhaupt nicht schwer, Sympathien zu meinem Alter Ego aufzubauen, der mich als Formel 1-Fan auch ein wenig an den Ferrari-Piloten Kimi Raikkonen erinnert. Wie dem auch sei…

Nicht nur in diversen Kämpfen spielt das Karmasystem eine Rolle, nein, die Entscheidungen beeinflussen vor allem die Handlung und damit auch den Missionsverlauf, ohne jetzt irgendwelche Auswirkungen zu verraten. Eine tolle Sache, wobei ich bei diesem Punkt allzu gerne den Vergleich zum Hexer „Geralt von Riva“ ziehe, der diese Disziplin wie kein anderer Titel beherrscht. Man war sich nämlich nie über die Konsequenzen seiner Tat sicher, zu undurchsichtig waren die Charaktere und ihre Ziele. Anders bei „inFamous: Second Son“, die Entscheidung zwischen schwarz und weiß, bzw. rot und blau ist farblich eindeutig markiert. Dennoch, das Karmasystem ist gelungen und lädt locker zum zweiten Durchgang ein.

Mein Revier

In Seattle angekommen fallen einem sofort die Auswirkungen des Kriegsrechts ins Auge, denn die Metropole ist ganz im Würgegriff des D.U.P. Überall patrouillieren Wachen, ob zu Fuß oder in schwer gepanzerten Transportern. Kameras zeichnen die Umgebung auf, um Conduits aufzuspüren. Auch manche Menschenversammlungen zeigen sich empört gegenüber den Conduits und demonstrieren gegen ihre Anwesenheit. Kein allzu einladender Ort. Doch der Würgegriff lässt sich lockern. Jede zerstörte Kontrolle, jede ausgeschaltete Kamera, jede Drohne weniger, die ihre Bahnen über die Straßen kreist. Nach und nach lässt sich in jedem Stadtteil der Einfluss des D.U.P. weiter senken. Besonders witzig ist der Einfluss, die Meinung der Passanten durch Graffitis zu beeinflussen. Dazu wird der PS4-Controller kurz geschüttelt, während aus dem integrierten Lautsprecher das Klimpern der Metallkugel erklingt. Anschließend wird in mehreren Schritten abgeklebte Schablonen ausgemalt. Ebenso interessant ist es, Kontakte zu verdeckten Informanten aufzubauen oder per Hack versteckte Kameras aufzuspüren. Es gibt also genug in Seattle zu tun, wobei ich freizeitliche Interaktionen à la „Yakuza“ in einem Open World-Spiel immer willkommen heiße. Ob Bowling, Baseball oder ein Besuch in einer Bar. Jede Auflockerung wäre toll gewesen, so ist es schade, dass man weder Häuser betreten noch mit Autos durch die Großstadt fahren kann. Hier verschenkt „inFamous: Second Son“ sehr viel Potenzial, um jenseits der Handlung zu unterhalten. Wurde der Einfluss des D.U.P. in einem Stadtviertel entsprechend gesenkt, kann man zum finalen Schlag ausholen, um sich das Revier unter den Nagel zu reißen und die Option des Schnellreisens zu gewinnen.

Seattle selbst ist traumhaft gut gestaltet worden. Unmengen an Details zaubern eine fantastische Kulisse auf den Bildschirm, die dank der Superkräfte actionreich erkundet werden kann. Ob Doppel- und Dreifachsprung oder der Sprint in Rauchgestalt durch die Lüftungsschächte. Besonders viel Spaß hat mir das Erklimmen von Seattles Wahrzeichen, dem Space Needle, gemacht. Die Superkräfte, zu denen im Spielverlauf weitere hinzukommen, die sich auch weiter ausbauen lassen, spielen sich fabelhaft und geben dem Spieler das Gefühl von Macht.

Trailer

Benny

Fazit

Unterm Strich bin ich sehr zufrieden mit „inFamous: Second Son“. Das wichtigste, ich fühle mich in der Rolle von Delsin Row wohl, die Handlung unterhält mich sehr gut und die Missionen machen ebenfalls Spaß. Der dritte Teil der Serie ist definitiv ein gelungenes Spiel, das ich ohne Bedenken empfehlen kann. Zumal das Spieleangebot auf der PlayStation 4 noch etwas überschaubar ist. Doch zum großen Hit fehlt jenseits des roten Fadens die Interaktion mit der Umwelt. Ich möchte nicht nur von draußen den Lärm der Bar hören, ich möchte hineingehen und das Ambiente genießen. Andere Titel machen dies längst vor, der vierte Ableger von „inFamous“ hoffentlich nach. Allzu groß ist der Sprung zum Hit nämlich nicht.

Wertung: 8.4

Wir bedanken uns recht herzlich bei Sony Computer Entertainment Deutschland für die freundliche Bereitstellung des Rezensionsexemplares.

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