Review

Zombicide

Das Zombie-Brettspiel

Angesichts der dramaturgischen Möglichkeiten ist es Videospielen natürlich ein Leichtes, die beklemmende Atmosphäre einer Zombieapokalypse zu erzeugen, was bereits zahlreiche Titel bewiesen haben. Wie ist es aber mit einem Brettspiel? Kann das Szenario auch am Tisch ähnlich dicht erlebt werden? Das Trash-Gemetzel „Zombies!!!“, hierzulande von Pegasus Spiele veröffentlicht, enttäuschte jedenfalls - besonders in größerer Runde durch seinen sehr langatmigen Ablauf.  Doch der millionenschwere Kickstarter-Erfolg, „Zombicide“, der jüngst von Asmodee ins Deutsche übersetzt wurde, wirkte auf Anhieb weit durchdachter, das Spielematerial sehr hochwertig. Ein Pflichtkauf für Horrorfans?

Ein teurer Spaß?

Für ein Brettspiel sind knapp 70 Euro selbstverständlich kein Pappenstiel, mein persönliches Limit hatte „Zombicide“ bei weitem überschritten. Da ich mich allerdings vor dem Kauf ausgiebig über das Spiel informiert habe und das Regelwerk in der Theorie sehr viel Spaß versprach, war ich schließlich bereit, den hohen Preis zu zahlen. Und sobald ich den Spielekarton öffnete, erwartete mich bereits in materieller Hinsicht ein ordentlicher Gegenwert. Die insgesamt 71 Modelle im 28mm-Maßstab machen einen wertigen Eindruck, der Detailgrad ist absolut zufriedenstellend, so dass sich die Miniaturen auch durchaus zum Bemalen eignen. Darunter befinden sich sechs spielbare Charaktere, sowie vier Zombietypen à la Dead Nation für die PlayStation 3: Die langsamen Schlurfer, die schnellen Läufer, die widerstandsfähigen Fettbrocken und ein sehr zähes Monster. Neben diversen Markern, Spielkarten und den Ausweisen der Charaktere sind die neun doppelseitigen Spielböden, die überraschend groß ausfallen, sehr schön illustriert. Ich musste die Böden jedoch zunächst mit einem Stapel Bücher beschweren, bis die steife Pappe auch wirklich planlag.

Sechs Würfel und ein 30-seitiges Regelbuch, das neben Regelwerk zehn Missionen bietet, komplettieren den Inhalt von „Zombicide“.

Einfach und anspruchsvoll zugleich

Das Regelbuch ist schnell gelesen, die Mechanik noch schneller verinnerlicht. Kompliziert ist das Regelwerk in der Tat gar nicht, überzeugt aber mit mehreren sehr kreativen Ideen: Im Gegensatz zu ähnlichen Spielen entfällt die Rolle eines Gegenspielers. „Zombicide“ ist ein Koop-Spaß für bis zu sechs Spieler. Die Zombies werden anhand einfacher Vorgaben gezogen. Sie schlurfen stets dorthin, wo sie die meisten Überlebenden sehen, bzw. von wo der meiste Krach herdringt – denn die verschiedenen Waffen erzeugen im Nah- und Fernkampf Lärm, was mit entsprechenden Markern angezeigt wird. Man kann „Zombicide“ tatsächlich auch ganz alleine vernünftig spielen, wenn man denn mehrere Charaktere befehligt.

Clevere Respawn-Punkte gewährleisten eine nie endende Zombiemasse, die je nach Stufe der Überlebenden zunimmt. Denn für jeden erledigten Untoten bekommt ein Überlebender einen Erfahrungspunkt, den er auf seinem Ausweis markiert. Hat er entsprechend viele Erfahrungspunkte erhalten, steigt er eine von insgesamt vier Stufen auf und erhält zusätzliche Fertigkeiten, die im Kampf gegen die Zombies überlebenswichtig sind.

Ebenfalls begeistert bin ich von der Umsetzung des Inventars, das auf dem Ausweis der Überlebenden abgebildet ist. Jeder Überlebende kann bis zu zwei Objekte zurzeit in den Händen halten, ein- und auch beidhändig. Drei weitere Objekte können verstaut werden, die durch Aufbrauchen eines Aktionspunktes wieder aus dem Gepäck herausgekramt werden können. Das Ganze erinnert sehr an ZombiU für die Nintendo Wii U, wenn die Aktionen zur Neige gehen und man damit beschäftigt ist, sich auszurüsten, während die Untoten gefährlich nahe herankommen. Ein herrlicher Nervenkitzel!

Auch wenn Bewegung und Kampf sehr einfach gehalten sind, so sind die zehn Missionen dennoch sehr knackig - ganz zu meiner Freude. Sind die Züge der Überlebenden weniger gut überlegt, fallen die Überlebenden einer nach dem anderen und die Mission scheitert. Gelegenheitsspieler werden sich anfangs zwar mit Sicherheit ihre Zähne ausbeißen, Frustmomente dürften aber ausbleiben, da eher die Motivation wächst, beim nächsten Mal geschickter vorzugehen anstatt „Zombicide“ im Regel versauern zu lassen.

Erklärvideo vom Hersteller (englisch)

Do it yourself

Nichtsdestotrotz waren wir nicht mit jeder Regel zufrieden und mussten sie mit Hausregeln nach unseren Wünschen leicht abändern. So gilt im Original, dass wenn sich ein Überlebender mit anderen Zombies in einer Zone aufhält und andere Überlebende das Feuer auf diese Zone eröffnen, automatisch jener Überlebende getroffen wird. Im Zweikampf durchaus nachvollziehbar, wenn im Verhältnis aber weit mehr Zombies in der Zone stehen, macht diese Regel keinen Sinn. Einfacher Ausweg: Ist das Verhältnis von Zombies und Überlebenden drei zu eins, werden die Zombies von Schüssen getroffen. Ist das Verhältnis gleichmäßiger, wird der Überlebende getroffen. Die Spielbalance ist gewahrt, Fairness und Realismus erhöht.

Auch waren wir nicht zufrieden damit, dass wenn ein Überlebender fällt, seine Ausrüstungskarten zurück ins Kartendeck wandern. In solchen Fällen legen wir die Ausrüstungskarten offen in die Zone, in der der Überlebende krepiert ist, die von seinen Kameraden mit einer Suchaktion aufgenommen werden können. Zu guter Letzt haben wir jene Karten entfernt, die allen Zombies einer Art einen Extrazug gewähren. Diese außerplanmäßigen Ereignisse führten immer wieder zu fataler Willkür, auf die man sich absolut nicht vorbereiten kann.

Ein großer Dank geht an die Hersteller von „Zombicide“, die auf ihrer Internetseite nicht nur neue Missionen, sondern auch Druckvorlagen für neue Charakterausweise und Spielkarten anbieten. Letztere haben wir genutzt, um einen gänzlich neuen, ausbalancierten Charakter zu erschaffen - die hockeyschlägerschwingende Kelly, die unser Piet extra gezeichnet hat und unter folgendem Link heruntergeladen werden kann. Wenn genügend Leute in unserem Kommentarbereich ganz lieb fragen, wird unser Piet mit Sicherheit noch den einen oder anderen weiteren Charakter für Euch zeichnen.

*Update* Mehr Charaktere von uns findet Ihr hier.

Benny

Fazit

Auch wenn ich von einem enormen Potenzial ausgegangen bin, muss ich zugeben, dass mich „Zombicide“ im Positiven überrascht hat. Das apokalyptische Szenario wurde als Brettspiel erstaunlich gut umgesetzt. Die knackigen und zugleich abwechslungsreichen Missionen sorgen ordentlich für Spannung, machen die Zusammenarbeit der Spieler notwendig. Den Kickstarter-Ursprung eines unabhängigen Entwicklerteams merkt man den wenigen kantigen Stellen im Regelwerk zwar an, doch Hausregeln schaffen diese schnell aus der Welt. Im Endeffekt hätte ich mir lediglich mehr spielbare Überlebende gewünscht. Kickstarter-exklusive Charaktere gibt es en masse, leider zu hochgeschaukelten Ebay-Preisen. Mit den Vordrucken auf der Herstellerseite kann aber jeder eigene Überlebende entwerfen. Passende Miniaturen bieten andere Hersteller zahlreich an. Bleibt nur noch zu sagen, dass ich mich bereits jetzt auf auf die Erweiterungen von „Zombicide“ freue, wenn sie hierzulande erscheinen und das Basisspiel mit weiteren Ideen bereichern.

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