Review

Sonic: Lost World

Publisher: SEGA | Genre: Jump 'n' Run | Plattform: Wii U | USK: ab 6

Gut zehn Jahre ist es her, dass ich mir ein Jump’n’Run mit dem blauen Igel zugelegt habe („Sonic Adventure“ für die Dreamcast). War das eine schöne Zeit für Fans - SEGA war noch Konsolen-Hersteller, während sich Sonic the Hedgehog qualitativ mit den Super Mario Brüdern gemessen hat *seufz*. Spätere Plattformer mit SEGAs Maskottchen entpuppten sich immer wieder als herbe Enttäuschung, so dass ich trotz einstiger Begeisterung das Interesse an der Marke verlor. Erst vor kurzem, als ich erstes Bild- und Filmmaterial zu „Sonic: Lost World“ sah und spontan an „Super Mario Galaxy“, meinen Lieblingshüpfer, erinnert wurde, fasste ich den Entschluss, nach langer Abstinenz wieder in die Rolle des blauen Igels zu schlüpfen. Endlich ein gelungenes Abenteuer mit Sonic?

Super Sonic Galaxy?!

Wer fühlte sich nicht bei den Trailern zu Recht an „Super Mario Galaxy“ erinnert? Da raste Sonic über röhrenartige Levelabschnitte, die frei über einen Planeten schwebten und sprang in luftiger Höhe von Himmelskörper zu Himmelskörper, wie es Nintendos Klempner bereits zweimal vormachte. Alles nur dreist abgekupfert? Nein, definitiv nicht! Denn einerseits hat SEGA das Konzept mit „Sonic X-Treme“ für das SEGA Saturn weit vor der Nintendo Wii ausgearbeitet, dieses allerdings leider verworfen. Andererseits konnte man beim genauen Hinsehen sofort erkennen, dass sich das Spielprinzip bei „Sonic: Lost World“ in eine völlig andere, streckenweise nicht-lineare  Richtung entwickelt hat. Tatsächlich hat man in den vielen 3D-Zonen, die insgesamt etwa zwei Drittel des Spiels ausmachen und von gelungenen 2D-Passagen aufgelockert werden, oftmals die Möglichkeit, gänzlich andere Wege einzuschlagen. Bei den bereits erwähnten röhrenartigen Zonen bietet die gesamte Unterseite eine alternative Route, deren Sprungfelder Sonic zu Trabanten katapultiert, die man auf der offensichtlichen Strecke nie entdeckt hätte. Auch gibt es diverse versteckte Passagen, die sich beispielsweise unter einer Eisdecke befinden oder mit einem geschickten Wall Run erreicht werden müssen.

Apropos Wall Run, dieser ist eine von Sonics neuen Fähigkeiten, die den blauen Igel in ihrer Summe spielerisch erheblich von seinen Vorgängern unterscheiden. Das Fundament des neuen Spielgefühls legt dabei die mutige, meiner Meinung nach überaus willkommene Entscheidung, die Geschwindigkeit erheblich zu drosseln. Anstatt die Kontrolle immer wieder an das Spiel abzugeben und die vorbeisausende Spielwelt zu bestaunen, habe ich nicht zuletzt wegen den facettenreichen Zonen die Wahl, wie ich das Level erlebe. Pese ich wie von der Tarantel gestochen durch die Areale, oder nehme ich mir die Zeit und erlebe „Sonic: Lost World“ wie ein Parcours-Paradies? Mit Sprüngen kombiniert fühle ich mit dem Wall Run eine herrliche Dynamik, habe neben Hüpf- sogar erfrischenden Kletterspaß, wenn Sonic sich an Vorsprüngen hochzieht. Dass sich die Gegner über den Autofokus sogar als fragile Plattformen ausnutzen lassen, sorgt für einen sehr lebendigen Spielfluss. Schön, dass die Entwickler einen solchen Wandel zugelassen haben und sich nicht an alten Werten festhalten, die längst überholt waren.

Neue Fertigkeiten verlangen nach einer umfangreicheren Tastenbelegung, die meines Erachtens überschaubar bleiben. So kann ich springen, mich ducken, rollen, Gegner wegkicken oder auf Knopfdruck laufen. Die internationale Kritik an der Steuerung kann ich nicht nachvollziehen, schließlich scheint eine üppige Tastenbelegung bei Shootern und anderen Mainstreamtiteln keine Probleme zu bereiten.

Wie aus einem Bilderbuch

Bereits bei der ersten Zone von „Windy Hill“ hat mich die gelungene Optik zum Staunen und Schwelgen gebracht. Kopfhohe Gräser wiegen sich geschmeidig im Wind. Blüten und andere Objekte füllen die Welt mit schönen Details. Die Bonbon-Farben sorgen für gute Stimmung, untermalt von fröhlichen Geigenklängen. „Sonic: Lost World“ erzeugt eine sehr schöne, teils verträumte Atmosphäre. Die Level der insgesamt sieben Welten, ganz gleich ob in 2D oder in 3D, beweisen immer wieder die Kreativität der Jungs von Team Sonic, seien es gigantische Äpfel, die in einen Mixer gelotst werden müssen und mich über eine Saftfontäne zum nächsten Himmelskörper katapultieren, riesige Sandwürmer, denen ich mit Geschick ausweichen muss, da sie mich mit einem Happs verdrücken, der freie Fall auf tiefere Ebenen oder eine Rutschpartie auf einer sandigen Bahn. Ich schätze die Vielfalt, die sich nicht zuletzt durch die Wisps erhöht, mit denen Sonic unter anderem kurzzeitig fliegen oder sich durch die Erde bohren kann.

Doch muss ich die eher geringe Anzahl der Level kritisieren. 7 Welten à 4 Level begrenzen die tollen Ideen der Entwickler teils auf einmalige, kurze Auftritte. Schaut man sich die inflationäre Menge an Herausforderung eines „Super Mario Galaxy“ an, wünscht man sich auch bei „Sonic: Lost World“ mehr Inhalt, wobei man fairerweise sagen muss, dass Nintendo viele Level für ihre Hundertschaft an Sternen mehrfach nutzt und man auch bei „Sonic: Lost World“ ein Level mehrmals meistern muss, um alle fünf roten Sterne je Zone zu finden, welche Minispiele freischalten. Dennoch hält Sonics Spieldauer keinesfalls mit der des Klempners mit.

Auch hätte ich mir eine erwachsenengerechtere Handlung gewünscht, denn die unfreiwillige Zusammenarbeit von Sonic und seinem Erzfeind Dr. Eggman ist immer wieder derart albern, dass man sich teilweise fremdschämt. Dies passt wiederum auch überhaupt nicht zum knackigen Schwierigkeitsgrad, das die meisten Kinder schlicht überfordern dürfte. Gerade zum Ende hin benötigt man nicht selten ein Continue pro Level, was ich nach dem viel zu leichten „Mario 3D Land“ auf dem 3DS mehr als begrüße.

Zuletzt bietet „Sonic: Lost World“ auch zu wenig Einstellungsmöglichkeiten. So kann ich zwar die exzellent gesprochenen, nichtsdestotrotz viel zu albernen Stimmen auf Japanisch stellen, die Untertitel aber nicht abschalten. Auch hätte ich gerne die Spielhinweise ausgeblendet, die spätestens nach dem zweiten Mal ihren Job ausreichend erledigt haben.

Alles Kritikpunkte, die „Sonic: Lost World“ nicht zu dem schlechten Spiel machen, wie es die internationale Presse machen will, aber doch auf einen Platz hinter den Super Mario Brüdern verweisen. Trotzdem bin ich optimistisch, denn lange Zeit sah es so aus, als ob SEGA es verlernt hätte, wirklich gute Spiele zu schmieden. „SEGA All-Stars Racing“ konnte sich zuletzt locker mit „Mario Kart Wii“ messen und mit etwas mehr Engagement könnte Sonic auf Mario aufschließen. Hoffen wir es!

Trailer

Benny

Fazit:

Wie kann es sein, dass die internationale Presse „Sonic: Lost World“ als mittelmäßiges Spiel abstraft, die Stimmen der Käufer von Sonics neuem Abenteuer aber ganz anders klingen? Ich kann mir es nur damit erklären, dass viele Journalisten ein klassisches Sonic erwartet haben und vom neuen, dynamischen Spielgefühl enttäuscht wurden – warum, kann ich allerdings überhaupt nicht verstehen. Sonic macht mit mehr Kontrolle und seinen neuen Fertigkeiten mehr Spaß als jemals zuvor und hätte man etwas mehr Arbeitszeit für mehr Inhalt investiert, könnte er sich glatt mit dem Jump’n’Run-Meister Mario messen. Ich freue mich jedenfalls wieder auf kommende Plattformer mit dem blauen Igel.

Wertung: 8.2

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