Review

Beyond: Two Souls

Entwickler: Quantic Dream | Genre: Adventure |Plattform: PlayStation 3 | USK: ab 16

„Heavy Rain“ sollte man erlebt haben, denn der knallharte Krimi fesselt dank kinoreifer Inszenierung erzählerisch wie kein anderes Videospiel – beste Erwachsenenunterhaltung, die einige Kritiker im Filmformat eher bevorzugt hätten. Schließlich begrenzte sich die Spielmechanik lediglich auf Reaktionstests, die dem Spieler zwar dank der Interaktionen ein tieferes Mittendringefühl vermittelten, letztendlich aber für manche aufgesetzt wirkten und den Spielspaß trübten. Mit „Beyond: Two Souls“ steht nun der neue Titel von David Cage, Chefentwickler vom Quantic Dreams, an. Fesselt der Mystery-Thriller ähnlich intensiv wie damals Heavy Rain und kann er gar spielerisch überzeugen?

Fragen über Fragen

Da sitzt sie, Jodie Holmes (Ellen Page), am Schreibtisch von Leutnant Sherman. „Ich habe Sie alleine am Straßenrand gefunden, mitten im Nirgendwo. Gab es einen Unfall?“, fragt er und es blitzen kurze Erinnerungen über den Bildschirm: Ein Wald, Dunkelheit, der Schein mehrerer Taschenlampen, Schüsse, bellende Hunde. Dann zeigt sich wieder der Leutnant gewillt, dem schweigenden Mädchen zu helfen, stellt viele Fragen. Keine Antwort. Als der Polizist eine Narbe am Kopf von Jodie entdeckt und sie beinahe berührt, fliegt von Geisterhand eine Tasse Kaffee gegen die Wand. Szenenwechsel: Nathan Dawkins (William Dafoe) sitzt im Auto, gibt über Handy die Anweisung, dass derjenige am anderen Ende der Leitung unbedingt auf ihn warten sollte, „sie“ ist gefährlich. Doch dann geht alles ganz schnell: Ein SWAT-Team betritt das Polizeirevier und als Nathan Dawkins ebenfalls dort ankommt, sind alle tot – alle, bis auf Leutnant Sherman. Und Jodie? Sie ist verschwunden.

Ein sehr starker Auftakt, spannend in Szene gesetzt. Jeder einzelne Darsteller spielt seine Rolle glaubhaft, sei es der junge Star Ellen Page, der alte Hase des Filmgeschäftes, William Dafoe, oder der Unbekannte, der den Leutnant mimt. Dabei wirft „Beyond: Two Souls“ jede Menge Fragen auf, wertvolle Zutaten für einen vielversprechenden Mystery-Thriller. Wer sind die Personen? Warum verfolgt Nathan Dawkins Jodie Holmes? Was ist Jodie zugestoßen, dass sie sich verletzt auf einem Polizeirevier befindet? Welche Kraft schleudert die Tasse gegen die Wand?

Erste Fragen werden zugleich beantwortet, weitere aufgeworfen. Schön!

Beyond: Two Souls – ein Mahl vieler Episodenhäppchen

Es folgt ein Rückblick in Jodies Kindheit. Ihre Zimmer, voll mit Spielsachen, die sich ein kleines Mädchen nur wünschen kann, entpuppen sich als goldener Käfig in einem Labor, in dem Jodie unter dauerhafter Beobachtung des Personals aufwächst. Bereits hier zeigt sich die Liebe zum Detail, die man von „Heavy Rain“ kennt. Folgt man der Bitte, einem der Laboranten zu den nächsten paranormalen Tests zu folgen, oder spielt man auf Knopfdruck mit Puppen? Auch ein Fernseher lässt sich einschalten, in dem ein längerer Ausschnitt eines Cartoons zu sehen ist. Die Kulissen sind wieder einmal traumhaft gestaltet worden. Entscheidet sich Jodie, an den Tests teilzunehmen, wird sie zu Nathan Dawkins geführt, der sich als ihr Ziehvater herausstellt, der sich sehr gut um die kleine Jodie kümmert. Wie kann dieser freundliche Mann, der sich pädagogisch absolut vorbildlich verhält zu dem aggressiven Menschen gewandelt haben, wie wir ihn im Intro kennengelernt haben, dessen Ziel es ist, die erwachsene Jodie zu fassen.

Jodie erzählt Nathan über ihren unsichtbaren Freund, Aiden, ein Geist, der mit ihr mittels eines unsichtbaren Bandes verbunden ist. Aiden kann im Spielverlauf auf Knopfdruck aktiviert werden, um in einem engen Radius mit der Umgebung zu interagieren, von Menschen Besitz zu nehmen, diese zu erwürgen oder zu heilen.

Im weiteren Spielverlauf wechselt „Beyond: Two Souls“ mehrfach zwischen drei Lebensabschnitten von Jodie, der Gegenwart, Jodies Kindheit und ihrer Teenager-Zeit. Prinzipiell schätze ich den Einsatz von Rückblenden, wenn sie clever eingesetzt werden, so dass sich Handlungsstränge zum Ende hin wie ein Puzzle zusammensetzen und die eine oder andere Überraschung parat halten.

Die Konsequenzen meiner Taten

Anfangs noch war ich sehr angetan, wie „Beyond: Two Souls“ diese Disziplin gekonnt umsetzt. Doch schon bald schlich sich das Gefühl ein, dass die insgesamt 26 Kapitel zu lose, beinahe chaotisch zusammengewürfelt werden. Und tatsächlich. Allzu bald bewahrheitete sich der Verdacht, wenn spannende Episoden, die teils radikale Entscheidungen erlauben, später nicht wieder aufgegriffen werden. Keine Spur von weitreichenden Konsequenzen, die effektiv in die Handlung eingreifen und Jodies Wesen oder das der anderen in irgendeiner Weise beeinflussen.

Ernüchternd, auch wenn einige der 26 Kapitel in sich perfekt geschlossen sind und unheimlich fesseln, so dass man dennoch wissen möchte, was als nächstes passiert. Zumal das Spiel nicht mit hervorragenden Schauplätzen geizt, die eine enorme Abwechslung bieten. Echte Konsequenzen ergeben sich leider erst zum Ende hin, die dann eines der insgesamt 23 Enden freischalten.

Auch war es bei „Heavy Rain“ noch möglich, dass wichtige Charaktere aufgrund vermasselter Reaktionen starben oder je nach Entscheidung alternative Szenen entfielen. Mit „Beyond: Two Souls“ haben die Entwickler einen linearen Weg vorgegeben. In Gefechten wird der Zeitdruck nur vorgetäuscht, auch können zig Schläge kassiert werden und doch geht Jodie als Siegerin hervor. Das Kampfsystem fühlt sich dabei sperrig an, erzeugt den Wunsch an ein System à la „Demon’s Souls“, das intuitiv von der Hand geht und auch spielerisch Spaß macht. Alternative Routen sind sehr selten. Schade!

Dadurch, dass die Interaktionen nun weniger durch Knöpfe, sondern mehr durch die Pfeiltasten ausgeführt werden, fühlt sich das Spiel jenseits der Kämpfe allerdings insgesamt runder an, als die Reaktionstests bei „Heavy Rain“ – ein kleiner Schritt nach vorn.

Launchtrailer

Benny

Fazit

Ich hatte ohnehin nicht erwartet, dass die Jungs von Quantic Dreams das Gameplay von „Heavy Rain“ allzu sehr verändern werden und so wurde ich nicht enttäuscht, dass „Beyond: Two Souls“ eher ein interaktiver Film denn ein echtes Videospiel ist. Als Cineast hatte ich mich dafür umso mehr auf ein herausragendes Erzählwerk gefreut und bin auch teils sehr zufrieden mit dem Titel.

Da mir aber aufgrund der losen Episoden das Mitgefühl mit Jodie verwehrt blieb, ich eine gewisse Charakterentwicklung schmerzlichst vermisst habe und auch sonst „Beyond: Two Souls“ eher wenige Emotionen in mir weckte oder erzählerische Akzente setzte, ist das Spiel dann doch weit von meinen Lieblingsfilmen entfernt. Spannend war die Handlung dennoch und die Schauplätze wieder einmal derart beeindruckend, dass ich gewiss noch einen weiteren Durchlauf antreten werde, um eines der vielen Enden zu erspielen.

Wertung: 7.5

Wir bedanken uns recht herzlich bei Sony Computer Entertainment Deutschland für die freundliche Bereitstellung des Rezensionsexemplares.

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