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Freud und Leid zur Friday Night

Filmreviews

Kumpel Mike drückte mir die Woche zwei seiner neuen Blu-rays in die Hand. Die Doku The Greatest Movie Ever Sold, welche sich mit Product-Placement in Film und Fernsehen beschäftigt und gleichzeitig komplett durch solches finanziert wurde und der Trash-/Splatter-/Horrorfilm Chillerama, in der man auf vier absichtlich geschmacklose Kurzgeschichten stößt.

Ich blieb zurück mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Zeit für einen Erfahrungsbericht!

The Greatest Movie Ever Sold (2011)

Ich selbst war einige Jahre in der Werbung unterwegs, so hatte ich bereits eine Ahnung, was da auf mich zukommen würde. Morgen Spurlock, der mit seiner vorherigen Doku "Super Size Me" bereits einen ansehnlichen Film auf die Beine gestellt hatte und einen besonderen Charme mitbringt, hatte sich hier vorgenommen, einen Film komplett über Produkt-Placement zu finanzieren und gleichzeitig auch eine Transparenz für die Zuschauer schaffen.

Natürlich ahnte man bereits als langjähriger Film- und Serien-Zuschauer schon vorher, was seit unzähligen Jahren in der Industrie vorgeht. So war das Product-Placement in James Bond Filmen (Hinweis: Seine Autos) teilweise schon so offensichtlich, dass man es gelassen oder mit Humor nimmt. Jedoch nehmen die Einflüsse der Sponsoren immer mehr Veränderungen der Drehbücher vor, so weit, dass Produkte sogar schon in Dialogen vorkommen. Und so fragt man sich berechtigt, wie weit das in Zukunft noch ausgereizt werden wird. So weit, dass die gesamte Produktion einer TV-Serie davon abhängig ist? Dürfen Sponsoren eine solche Macht über die Inhalte bekommen? Und wie weit ist den Zuschauern eigentlich bereits bewusst, was inzwischen alles unterschwellige Werbung im TV läuft?

Selbstironisch und mit Humor verpackt Mr. Spurlock seine Fragen und Interviews mit den Produkten, welche er in der Doku stark bewerben muss. Das schafft einen recht cleveren Spagat, der einen gewissen Charme schafft, statt seine Kunden als "Idioten" darzustellen. Seinen Sponsoren fordert er jede Menge Mut ab, weswegen man auch einige Absagen zu sehen bekommt. Witzig fand ich die kurzen Werbespots, welche zwischendurch gezeigt werden, während sie Minuten zuvor noch im Film geplant und besprochen wurden. Das macht den Zuschauer dafür bewusst, warum genau was in den Spots so umgesetzt wurde und wie weit die Sponsoren bei der Entwicklung beteiligt sind.

Zwar fehlen hier entscheidende Brüller und/oder eine horizont-erweiternde Erfahrung/Aufklärung, um die Doku auf eine Top-Wertung zu heben, doch am Ende erreicht sie ihre Ziele, indem sie die Zuschauer etwas bewusster und abgeklärter für die Werbung in Filmen/Serien macht. Somit spreche ich hier die Empfehlung aus, den Film zwischendurch gerne mal anzuschauen. Kurzweilig ist er alle mal, allein schon aufgrund der lockeren Art vom Regisseur und Darsteller.

Chillerama (2011)

Das komplette Gegenteil findet man dagegen hier. "The Ultimate Midnight Movie" schimpft sich die 119 Minute lange Ohrfeige am Zuschauer.

Hey, nichts gegen Trash: Immerhin bin ich da so abgebrüht, dass ich selbst knallharte Streifen wie Turkish Star Wars ohne Untertitel bereits vier mal geschaut habe und auch Filmmüll à la "Ator II Der Unbesiegbare" konnte ich tapfer überstehen.

Womit wir es hier aber zu tun haben ist kein unbeabsichtigter Trash, sondern eine ganz normale Filmproduktion von vier Regisseuren, welche sich, unter dem Vorwand, hier à la Homage an das alte Kino anzuknüpfen, absolute Narrenfreiheit erlaubt. Im Grunde ist auch dies nichts schlechtes, die Inhalte erreichen absichtlich eine Geschmacklosigkeit und Ekelhaftigkeit, aus der die Macher sich wahrscheinlich versprechen, Trash-Enthusiasten und Protest-Zuschauer zu erreichen, wenn die negativen Verrisse in der Presse kommen.

In Wahrheit werden aber nur pubertierende Jungs hier bedient, die es aufregend finden, "Erwachsenen"-Inhalte anzuschauen, die ihre Eltern ihnen gerne verbieten würden. Es gibt Splatterelemente, lauter Witze unter der Gürtellinie, Körperflüssigkeiten alle Art, provozierte Homophobie beim Zuschauer und noch eine dämliche Liebesgeschichte zwischen 'nem schüchternen Vorzeige-Nerd und einem Mädchen, die wahrscheinlich lieber Baseball mit Vati statt mit Barbies gespielt hat. Das Schlimmste ist aber, dass ich einfach nichts davon wirklich witzig fand. Die Reize, die Trash-Filme immer für mich haben, fehlen hier eindeutig. Einzige Motivation, nicht abzuschalten war, alle Geschichten abzuwarten, in der Hoffnung, dass einer der Macher es vielleicht doch besser als seine Vorgänger machen könnte.

Als kleine Inhaltsangabe gehe ich ganz kurz auf die vier Filmchen ein:

  • Wadzilla: Die Geschichte um ein mutiertes Riesenspermium, welches die Stadt unsicher macht
  • I was a Teenage Werebear: Schwule Werebears als Musical
  • The Diary of Anne Frankenstein: Hitler baut sich einen jüdischen Frankenstein
  • Deathication: Der Film besteht weitestgehend aus einem Vorwort zu einem Film über menschliche Exkremente
"Planet Terror" und auch "Death Proof" von Rodigrez und Tarantino haben das ähnliche Ziel um Welten besser erreicht. Wer also Lust auf Grindhouse- und Horrortrash-Filme hat, sollte sich im Zweifel diese beiden Filme lieber noch ein Mal ansehen, statt aus Langeweile eine Reise ins "Chillerama" zu wagen.
Piet

Fazit

Was gibt es schöneres, als zwei Filme in die Hand gedrückt zu bekommen, über die man vorher noch nichts wusste? Zwar wäre es schön gewesen, wenn "Chillerama" mehr das eingehalten hätte, was das Cover verspricht, aber so bin ich wieder um eine Erfahrung reicher.

Vielen Dank für's Lesen und vielleicht habt Ihr ja jetzt eine neue Doku für Euch oder ein fieses Geburtstagsgeschenk für eure schlimmsten Feinde entdeckt.

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