Review

Brothers - A Tale Of Two Sons

Genre: Puzzler/Action-Adventure | Plattform: PSN/Xbox360/Steam | USK: ab 12

Da war er wieder, der flüchtige Moment einer magischen Faszination, den nur vereinzelte Videospiele zu erschaffen vermögen. Ein kurzer Blick und ich war gefangen in einer kreativen Welt, mit so viel Herz und Seele, dass die meisten Titel daneben bedeutungslos erscheinen. Und dabei hätte ich diese fantastische Reise beinahe niemals angetreten, hätte ein Kumpel mich nicht auf „Brothers – A Tale Of Two Sons“ hingewiesen, das jüngst unscheinbar im PSN-Store erschienen ist. „Es erinnert an Ico“ sagte er. Mehr war nicht nötig, um in mir Neugierde zu wecken. Denn das zurückhaltend sentimentale Abenteuer zähle ich zu meinen persönlichen Highlights.

Schicksalsschläge

Dass das Leben einen erbarmungslosen Lauf nehmen kann, müssen zwei Brüder auf tragische Weise erfahren. Erst ertrinkt die Mutter, dann erkrankt der Vater schwer. Um auch ihn nicht zu verlieren und als Waisenkinder zu enden, machen sie sich auf den weiten Weg, ein Heilmittel zu finden. Der Clou dabei, beide Brüder werden vom Spieler gleichzeitig mit jeweils einem Analogstick gesteuert und jeder der beiden hat eine eigene Schultertaste für Interaktionen. Spielt sich im ersten Augenblick etwas hakelig, sorgt kurz für einen Knoten im Hirn, entfaltet aber schon nach kürzester Zeit eine unvergleichliche Lebendigkeit: Beide Jungs verhalten sich in verschiedenen Situationen unterschiedlich.

Während der ältere Bruder etwa einen Vagabunden gewissenhaft nach dem Weg fragt, nimmt der jüngere, naiv, wie er ist, einen ordentlichen Schluck aus der Pulle des Landstreichers, um sich nach dem brennenden Husten über das Gebräu zu beklagen. Auch haben die beiden Knaben verschiedene Stärken und Schwächen, die sie bei vielen Hindernissen kombinieren müssen. So kann der große Bruder den kleinen mittels Räuberleiter auf höhere Plateaus hochhieven und sich der kleine Bruder wiederum durch enge Gitterstäbe zwängen. Einfach fabelhaft, wie hier das feste Band zwischen zwei Brüdern glaubhaft geknüpft wird!

Auf ihrem langen Weg sind viele Rätsel zu lösen, Gefahren zu meistern und vor allem Hindernisse zu überwinden. Schon zu Beginn wird der Kletterspaß à la „Uncharted“ angedeutet, der die anfangs dominierenden Rätsel ab der zweiten Spielhälfte mehr und mehr ablöst und sich dann zur Hauptdisziplin mausert. Es werden nicht nur luftige Höhen mit einer unglaublichen Weitsicht geboten, wie man es von Genregrößen gewohnt ist. Das Klettern entfaltet wegen der gleichzeitigen Steuerung der beiden Kinder eine angenehme Herausforderung, wie man sie bisher nicht geboten bekommen hat. Toll!

Ein bleibender Eindruck

Die leichte Cartoon-Optik kommt der betagten Unreal-Engine sehr entgegen. Kantenflimmern tritt kaum auf, lediglich werden in wenigen Situationen Texturen nachgeladen und bei Speicherpunkten kommt es zu einem kurzen Ruckler. Schnell vergessen, angesichts der sonst traumhaft schönen Spielwelt, die außerordentlich abwechslungsreich ist. Blühende Landstriche lassen die beiden Knaben hinter sich, durchqueren Höhlen, erklimmen Berge und entdecken auf ihrer Wanderung allerhand anderer fantastischer Schauplätze, in denen sich hier und da unscheinbare Nebenaufgaben verstecken. Eine Hommage an „Ico“ sind die verstreuten Holzbänke, die das eine oder andere malerische Panorama bieten, wenn die Brüder auf ihnen Platz nehmen.

„Brothers – A Tale Of Two Sons“ erzeugt mit seinen vielen liebevollen Zutaten eine eigene, sinnliche Atmosphäre, untermalt von einem melancholisch schönen Soundtrack und einer Fantasiesprache, die sehr ans skandinavische erinnert – kein Wunder, denn das Entwicklerteam „Starbreeze Studios“ stammt aus Schweden. So wird eine Handlung ohne ein einziges Wort erzählt. Es reicht das Gesehene, die Mimik und Gestik der Protagonisten, um mit ihnen zu fühlen. Dass die Entwickler dabei großen Mut bewiesen haben, ist ihnen hoch anzurechnen, denn so schaffen sie dichte Momente, die den Spieler berühren – Gänsehaut garantiert. Gleichzeitig kommt aber auch der Humor nicht zu kurz.

Eine weitere große Überraschung war auch der Blick zur Uhr. Denn obwohl das Abenteuer keine vier Stunden andauert, hat man das Gefühl, weit länger auf den virtuellen Füßen gewesen zu sein. Kein Wunder, denn zum einen sorgt das angenehm bedächtige Spieletempo für innere Ruhe. Zum anderen ist das Erlebnis dank der notwendigen Konzentration, die beiden Brüder gleichzeitig zu lenken, intensiv wie kein anderes Spiel, so dass die Zeit gefühlt nochmals langsamer verstreicht.

Trailer

Benny

Fazit

„Brothers – A Tale Of Two Sons“ ist ein unglaublich ideenreiches Abenteuer. Angefangen bei der überaus originellen Idee, zwei Charaktere gleichzeitig mit den Analogsticks zu steuern, beweisen die Entwickler im Spielverlauf immer wieder ihre enorme Kreativität, so dass das Spiel keineswegs langweilig oder gar monoton wird. Ganz im Gegenteil! Ich war überrascht, was mich alles auf meiner langen Reise erwartet hat.

Ich kann nur an jeden Spieler appellieren, werft wenigstens einen Blick in die Demo, Ihr würdet Euch sonst ein unscheinbares Meisterwerk entgehen lassen, dessen Preis im Vergleich zum Gebotenen lächerlich gering ist. Für mich ist „Brothers – A Tale Of Two Sons“ ein absolutes Highlight der Videospielgeschichte, das sich in den Reihen von „Flower“, „Journey“ und anderen Software-Perlen einreiht.

Vielen Dank an die Entwickler, für dieses einzigartige Erlebnis!

Wertung: 9.5

Alle Rechte vorbehalten.
Die Copyrights von Ton- und Bildmaterial liegen bei den jeweiligen Verleihern, Verlagen, Labels, Studios und Künstlern.