Review

The Last of Us

Entwickler: Naughty Dog | Genre: Action-Adventure, Stealth | Plattform: PlayStation 3 | USK: ab 18

Zwanzig Jahre sind seit der Pandemie vergangen, die beinahe die ganze Menschheit ausgelöscht und viele der verlorenen Seelen in lebenden Toten verwandelt hat. Zwanzig lange Jahre, die Joel in der Quarantänezone eingesperrt verbrachte, angewiesen auf Lebensmittelmarken und dubiosen Tauschgeschäften. Ein leeres Leben, kaum erfüllter als das eines dahinvegetierenden Zombies. Doch als er den Auftrag annimmt, die 14-jährige Ellie über die Grenzen der Zone hinaus zu einer Widerstandsgruppe namens „Fireflys“ zu schmuggeln, bekommt seine Existenz plötzlich wieder einen Sinn.

Uncharted: Drakes Apocalypse?

Langsam schlurft der Clicker immer näher, ein widerwärtiges Monster, das auf das leiseste Geräusch reagiert und mit einem Biss tötet. Noch ein paar Schritte und es biegt um die Ecke, dann ist es direkt bei Ellie und mir. Ellie… ich muss sie beschützen, sie ist unsere letzte Hoffnung. Aber was soll ich machen?! Bin ich zu laut, kommen auch die Runner dort hinten her gestürmt. Meine Blicke huschen im Raum umher – oh, ein Backstein! Sehr gut! Ich nehme ihn und schleudere ihn durch die Tür, laut genug, um die Aufmerksamkeit des Clickers anzuziehen, leise genug, von den Runnern überhört zu werden. Ich ziehe meinen Knüppel und eile zur Kreatur, um ihr hinterrücks den Garaus zu machen. *bam* Ein Hieb, der Clicker schreit auf, *bam* ein zweiter *knack* Verdammt! Der Knüppel ist zerbrochen, das Vieh lebt immer noch und auch hat die Runner alarmiert. Ich ziehe meinen Revolver, der einzige Ausweg, jetzt noch unsere Haut zu retten. *Peng* Der Schuss hallt durch die Räume, hat aber den Clicker endgültig niedergestreckt. Mit zittrigen Händen lade ich nach, um mich den Runnern entgegenzustellen.

Auch wenn wir uns nicht länger unseren Weg durch den Dschungel oder der Wüste bahnen, sondern uns durch das endzeitliche Nordamerika in Sicherheit kämpfen, die Wurzeln von „The Last of Us“ sind ab der ersten Sekunde deutlich: „Uncharted“. Für Kenner der archäologischen Abenteuer ist die intuitive Steuerung allzu vertraut, das Deckungssystem bestens bekannt. Sympathische Charaktere, eine weitere Stärke der Entwicklerschmiede, sind auch bei diesem Überlebenskampf mit von der Partie, wenngleich sie zynischere, abgehärtete Zeitgenossen sind, was angesichts des trostlosen Szenarios keine große Überraschung sein dürfte.

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In den ersten Stunden hatte ich es noch bedauert, die tolle Spielwelt, die sehr an die überwucherte Großstadt aus „I am Legend“ erinnert, nicht frei erkunden zu können. Doch dann wich das „Uncharted“-typische, schlauchige Leveldesign mehr und mehr großen Arealen, in denen es verdammt viel zu entdecken gibt. Orte wie das weitläufige Campus-Gelände oder die kleineren Vororte wurden sehr authentisch nachgebildet und strotzen vor Details. Selten hat mich eine Spielwelt optisch dermaßen beeindruckt - „The Last of Us“ holt die letzten Kraftreserven aus der PlayStation 3 heraus. Der enorm hohe Detailgrad ist verblüffend!

„Naughty Dog“ legt bei „The Last of Us“ abermals viel Wert auf ein cineastisch inszeniertes Actionfeuerwerk, perfekt synchronisiert. Und dennoch bin ich, abseits der spielbaren Abschnitte, die teils atmosphärisch kaum dichter sein könnten, mit der Handlung insgesamt alles andere als zufrieden. Grund ist das nicht genutzte Potenzial, das Joels dramatischer Schicksalsschlag am Anfang des Spiels liefert. Anstatt seine Gefühlswelt dem Spieler näher zu bringen, macht das Spiel einen Sprung von zwanzig Jahren, präsentiert einen introvertierten Mann und wirft mehr Fragen auf, als zu beantworten. Fragen, die auch während des Spiels nicht befriedigend geklärt werden, so dass „The Last of Us“ auf emotionaler Ebene ziemlich blass bleibt. Schade, denn die Entwickler hätten mit einer solchen Rahmenbedingung und einem guten Skript ein spielerisches Erlebnis bieten können, dass lange im Gedächtnis bleibt.

Lassen wir aber die Ausrede gelten, dass „The Last of Us“ „nur“ ein Videospiel ist und in seiner Hauptdisziplin alles richtig macht, so dass der Spieler lange Zeit am Bildschirm gefesselt wird. Das liegt auch daran, dass „Naughty Dog“ nochmals tiefer in die Kreativkiste gegriffen hat und neue Spielelemente bietet.

Das kann man noch gebrauchen!

Dass der schnellere Weg nicht zwangsläufig der bessere ist, zeigt „The Last of Us“ eindrucksvoll und erbarmungslos. Wer sofort zur Schusswaffe greift und lautstark durch die Gegend ballert, lockt schnell eine zu große Gegnerschar an, die den sicheren virtuellen Tod bedeuten. Taktik ist gefragt, die dank der Lausch-Funktion bestens ausgeklügelt werden kann. Auf Knopfdruck kniet Joel sich zu Boden und belauscht die nähere Umgebung. Dabei werden die Silhouetten näher befindlicher Gegner durch Wände hindurch angezeigt, so dass man sehen kann, in welche Richtung sie sich bewegen. Mittels Ausrüstungsgegenstände (u.a. Nahkampfwaffen, Steine, Flaschen, Rauchbomben) lassen sich unterschiedliche Vorgehensweisen umsetzen. Viele Auseinandersetzungen mit den Zombies lassen sich durch perfektes Timing gar ganz umgehen. Toll. Aber Vorsicht! Während Joel sich auf seine Umgebung konzentriert, sind Angriffe aus dem Hinterhalt ein tödliches Risiko.

Ebenfalls angreifbar macht Joel sich, wenn er verschiedene Gegenstände kombiniert, um neue zu erschaffen: Medikits, Molotov-Cocktails, Messer oder Aufwertungen von Nahkampfwaffen. Hierbei fühle ich mich jedoch leicht negativ an „Dead Rising“ erinnert, wo Nahkampfwaffen nach ein paar Hieben zerbrechen. Bei einem einfachen Brett mag das ja noch realistisch sein. Auch wenn eine Baseballkeule etwas länger hält, würde ich spätestens von einem Metallrohr erwarten, dass er eine halbe Ewigkeit unbeschadet übersteht. Dass ein Messer gar nach einem Stich zerbricht, halte ich für arg übertrieben. Klar, es unterstreicht die Knappheit aller Ausrüstungsgegenstände doppelt und dreifach. Man hätte die Messer jedoch nur dann zerbrechen lassen sollen, wenn man eines der verschlossenen Türen versucht, zu knacken, oder zumindest die Ausrede parat halten können, dass das Messer aus Infektionsgründen zu stark verunreinigt ist. Na ja, wie dem auch sei. Denn immerhin lassen auch solche Haltbarkeiten sich etwas aufwerten.

An der Werkbank kann Joel Schuss- und Nahkampfwaffen gegen Teile verbessern: Von der Haltbarkeit über Munitionskapazität bis hin Halftern, mit denen sich der Waffenwechsel stark beschleunigen lässt. Unabhängig der Werkbank können auch Joels Fähigkeiten gegen Pillen aufgewertet werden: Von der maximalen Lebensenergie bis hin zum ruhigeren Händchen im Umgang mit Schusswaffen. Sehr motivierend.

Ein ganz großes Lob gebührt zudem noch der KI von Joels Weggefährten, die ihn dann und wann, bzw. im Falle von Ellie die ganze Zeit begleiten. Sie stehen mir als Spieler sehr hilfsbereit zur Seite, geben mir Munition oder Medikits, knüppeln Gegner nieder, die mich angefallen haben oder zeigen mir, wo es langgeht, wenn ich einmal nicht weiter weiß. Auch dass sie sich zurückziehen, wenn ich mich leise an Gegner heranpirsche und mich dabei nicht verraten, spricht für eine clevere KI, die ich selten derart qualitativ in einem anderen Videospiel erlebt habe.

Trailer

Benny

Fazit

Das „Naughty Dog“-Label ist mittlerweile schon so etwas wie ein Gütesiegel, das höchste Action-Qualität verspricht. Und mit „The Last of Us“ haben sie mich auch dieses Mal wieder absolut begeistert, zumindest spielerisch: Die Konfrontation mit Zombies und anderen gewaltbereiten Zeitgenossen ist atmosphärisch sehr dicht und leben von cleveren Schleichpassagen. Das Aufwerten von Gegenständen und Fertigkeiten motiviert außerordentlich, die fantastisch designte Spielwelt näher zu erkunden und für einen Moment die eine oder andere Sehenswürdigkeit in Ruhe zu betrachten. Bei der Handlung kann ich allerdings nicht anders, als mir Lobeshymnen zu verkneifen.

Auch wenn „The Last of Us“ hochwertig inszeniert wurde und die Handlung spannender ist, als bei manch anderen Genrevertretern, so war sie mir doch viel zu oberflächlich. Kurze Erinnerungssequenzen oder Monologe à la „May Payne“ hätten mit Sicherheit nicht geschadet und einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Schade. Dennoch ist dieses Survival-Abenteuer eines der besten Spieler der (noch) aktuellen Konsolengeneration und für Actionfans ein ganz klares Must-Have!

Wertung: 8.8

Wir bedanken uns recht herzlich bei Sony Computer Entertainment Deutschland für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

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