Review

Tai Chi Zero

Regie: Stephen Fung | Genre: Martial Arts | FSK: ab 12

Was ist nur los mit dem chinesischen Kino? Während vor einiger Zeit noch regelmäßig Meisterwerke aus dem fernen Osten zu uns kamen, stagniert die Kreativität. Plötzlich werden diverse Remakes produziert, mehr schlecht als recht, ohne den Charme der Originale (Chinese Ghost Story) oder aber die große Stärke der Chinesen, der Martial-Arts, wird gegen billige CGI-Effekte ausgetauscht – womöglich, weil die meisten Stars nicht mehr in der Blüte ihres Lebens stehen. Neben wenigen Ausnahmen häuften sich die Fehlkäufe, bis ich schließlich fast keinen Asia-Streifen mehr in den virtuellen Warenkorb legte. Doch ein Film machte mich neugierig: Tai Chi Zero. Ein weiterer Fehlkauf oder wieder einer der mittlerweile wenigen Lichtblicke?

Lerne die innere Kampfkunst, um deine Energiekanäle zu verändern

Seit seiner Geburt trägt der sympathische Söldner Yang Lu ein sonderbares Mal: Ein winziges Horn, die sogenannten „Drei Blüten in der Krone“, das die meisten Kämpfer trotz jahrelanger Übung nicht erreichen. Berührt jemand dieses Mal, wird in Yang eine brutale Gewalt entfesselt, die er bislang erfolgreich auf dem Schlachtfeld nutzte, aber seine innere Energie verbraucht und seine Lebenszeit verkürzt. Färbt sich das anfangs noch rosafarbene Horn schwarz, bedeutet das den sicheren Tod für Yang. Sein einziger Ausweg ist, sich zum entlegenen Dorf Chen zu begeben, um dort die geheime Kampfkunst von Meister Chen zu erlernen. Doch die Bewohner haben nichts für Fremde übrig, die nur kommen, um ihren Kampfstil zu stehlen. Und so werfen sie Yang aus ihrem Dorf hinaus, der allerdings nicht aufgibt und später die einzige Hoffnung des Dorfes sein soll. Denn nachdem sich das Dorf auch gegen den Bau einer Eisenbahnlinie sperrt, sieht es sich einem Steampunk-Mecha der westlichen Industrialisierung gegenüber.

Der schmale Grat zwischen Wahnsinn und Genie

Regisseur Stephen Fung hat wahrlich einen verrückten Film in die Lichtspielhäuser gebracht, der in vielerlei Punkten glänzt. Nicht nur, dass „Tai Chi Zero“ weitestgehend ohne CGI auskommt (der riesige Dampfroboter ist ein riesiges Modell, dessen Arme lediglich am Computer in Bewegung versetzt wurde), er ist ein bunter Mix verschiedener Stilmittel, frisch und lebendig. So wird der kurze Rückblick in Yangs Kindheit als Stummfilm präsentiert, Yangs Reise zum Dorf als Cartoon visualisiert und Stilmittel von Videospielen eingesetzt. Einige der Kämpfe, die Schauspieler und Choreograph Sammo Hung bestens inszeniert hat – actionreich und zugleich äußerst geschmeidig, erinnern an moderne Beat’em’Ups à la „Dead or Alive 5“. Hinzu gesellt sich eine witzige Fahrt in der Egoperspektive, die glatt aus dem Titel „Mirror’s Edge“ stammen könnte. Sehr schön!

Optisch ist „Tai Chi Zero“ eine Augenweide. Gestochen scharfes Bild (Bluray-Version), satte Farben sowie authentische Kostüme und ein tolles Bühnenbild. Das Dorf und seine Kameraeinstellungen sind eine Pracht und diverse Einfälle eine Bereicherung für den Zuschauer.

Der Humor ist gelungen und reduziert sich nicht einzig auf Slapstickeinlagen. So ist „Tai Chi Zero“ ein insgesamt heiterer Martial-Arts-Streifen geworden, der von einem guten Soundtrack und sympathischen Charakteren getragen wird. Letztere hätten allerdings etwas mehr Tiefe vertragen können, da „Tai Chi Zero“ aber ein Zweiteiler ist, „Tai Chi Hero“ erscheint hierzulande übrigens bereits im August, könnte dieser kleine Kritikpunkt vielleicht nachträglich ausgebessert werden. Wäre zwar schön, aber kein Weltuntergang, wenn man sich den Charakteren im Einzelnen auch weiterhin „weniger“ widmet. Denn seien wir mal ehrlich, welcher Kung Fu-Film glänzt schon mit ausgefeilten Charakteren? Lediglich Ausnahmen wie „Ip Man“, die Masse begeistert den geneigten Martial Arts-Fan mit ganz anderen, genretypischen Qualitäten.

Trailer

Benny

Fazit

Na also! Es geht doch! Und ich habe mir schon langsam Sorgen gemacht, dass China keine Nachwuchstalente hat. Jaydan Yuan (Wushu Olympiasieger von 2008) mimt den Sonderling Yang Lu absolut überzeugend und bietet, ebenso wie seine Kontrahenten (Sammo Hung sei Dank) tolle Kämpfe. Ich habe mehrfach herzlich gelacht, manche Ideen des Drehbuchautors sind einfach zu abgedreht, um nicht zumindest zu schmunzeln und mich an den tollen Bildern kaum sattsehen können. „Tai Chi Zero“ ist endlich wieder ein Kung Fu-Film, der seines Genres würdig ist. Ich freue mich schon jetzt auf die Fortsetzung!

Wertung: 8.7

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