Review

Tomb Raider (2013)

Publisher: Square Enix | Genre: Action-Adventure | Plattform: PS3, X-Box 360, PC | USK: ab 18

Da ist mir doch tatsächlich so manches im Action-Adventure-Genre entgangen und Schuld daran war die manipulative Macht des ersten Eindrucks: Lara Croft ein Sexsymbol? Iwo, für mich keineswegs. Ich fand sie bei ihrem Debut nicht nur unsympathisch, auch war für mich ihre Expedition anno 1996 eine grafische Zumutung. Kurzum, die Serie ließ mich bis vor kurzem völlig kalt und nun befindet sich sogar die HD-Collection in meinem Laufwerk. Woher der Sinneswandel? Der Dank gebührt dem Reboot, der mich über meinen Schatten springen ließ. Schon beim ersten Bildmaterial konnte ich mich mit Laras neuem Äußeres endlich anfreunden und wurde schnell an „Uncharted“ erinnert, das den archäologischen Kletterspaß von „Tomb Raider“ aufgriff und perfektionierte. Aber wer klettert höher hinaus? Die (mittlerweile) hübsche Lara Croft oder der charmante Nathan Drake?

Unwetter voraus!

Unweit der japanischen Insel Kyūshū liegt die „Endurance“ vor Anker, die unter der Leitung des Forschers James Withman die verloren gegangene Insel Yamatai sucht. Yamatai, so die tatsächlichen Aufzeichnungen, gilt als erstes Königreich Japans, regiert von der Herrscherin Himiko, die einst Handelsbeziehungen mit der Wei-Dynastie von China aufbaute und von den Chinesen schamanische Fähigkeiten zugesprochen bekam. Nachdem der Erfolg bereits seit mehreren Tagen ausblieb, schlägt die junge Archäologin Lara Croft vor, die Suche im sogenannten Drachen-Dreieck fortzusetzen, in dem das Schiff alsbald kentert und für Lara auf einer unbekannten Insel die bislang härteste Prüfung in ihrem jungen Leben ansteht: Der nackte Kampf ums Überleben und gegen eine höhere Macht, die die mysteriöse Insel in ihrem Griff zu haben scheint. Und so nimmt „Tomb Raider“ mit gut platzierten Skripts und intuitiven Quick-Time-Events seinen interaktiven Anfang.

Auch wenn man erfahrungsgemäß bei einem Action-Adventure vergebens auf einen erzählerischen Geniestreich hoffen kann, so ist die Handlung von „Tomb Raider“ überaus stimmig. Die exzellenten Zwischensequenzen sind nicht nur bis zum Schluss spannend und dramaturgisch inszeniert, sie vermitteln auch bestens die Gefühlswelt von Lara Croft: Schuldgefühle bei jedem Verlust eines Crewmitglieds; ihre fürchterliche Erkenntnis, wie leicht es ihr in Windeseile fällt, für das eigene Wohl zu töten oder ihre Erschöpfung nach all den Strapazen in der Wildnis – Lara wächst zu ihrer Überraschung in der Not über sich selbst heraus. Wenn überhaupt könnte ich nur kritisieren, dass sich das Reboot etwas zu bierernst nimmt und ich neben Lara wirklich sympathische Charaktere, wie etwa dem alten Haudegen Sully aus „Uncharted“, vermisse.

Dagegen bin ich mit der Wahl von Laras Synchronsprecherin nicht vollends zufrieden. Nora Tschirner zeigt zwar in vielen Szenen großartigen Einsatz, wenngleich manche Passagen abgelesen klingen, doch insgesamt will ihre (kindliche) Stimme einfach nicht zu Laras Gesicht passen. Vielmehr hätte ich mir gewünscht, dass Marion von Stengel auch weiterhin der fiktiven Figur Lara Croft ihre (erotische) Stimme geliehen hätte, schließlich hatte sie ihren Job in den Vorgängern sehr ordentlich gemacht.

Tomb Raider RPG?

Gut 10 Stunden habe ich gebraucht, um „Tomb Raider“ abzuschließen. Ein kurzes, dafür aber ein sehr knackiges Abenteuer, das ich noch um weitere Stunden strecken werde, um alle versteckten Schätze zu finden. Anders als bei „Uncharted“ sind nicht nur ein paar Dutzend Schätze der Trophäen Willen versteckt, nein, hier verleihen sie der Expedition tatsächlich eine gewisse Authenzität. Denn immer wieder werden schlauchartige Levelabschnitte von größeren Arealen abgewechselt, die entweder schnurstracks durchquert oder aber genauer unter die Lupe genommen werden können. In entlegene Winkeln, verwinkelten Pfaden und weit über den Baumkronen sind Relikte, Tagebücher, versteckte Gräber oder Geocatches (ein empfehlenswertes Hobby) zu finden. Erst genannte können teils weiter untersucht werden, um weitere Erfahrungspunkte zu erhalten, die es auch für das erfolgreiche Lösen von Rätseln, das Ausschalten von Gegnern (wilde Tiere und ein ominöser Kult, der vor einiger Zeit ebenfalls auf dieser Insel gestrandet ist) oder das Sammeln von seltenen Pflanzen gibt. Ähnlich wie das sogenannte Bergungsgut, dass sich in der Umgebung aufsammeln oder bei besiegten Gegnern erbeuten lässt, können anstelle von Waffen diverse Fertigkeiten gesteigert werden. Sehr motivierend!

Apropos Waffen: Das Arsenal ist recht überschaubar. Gäbe es den Bogen nicht, wäre die Auswahl aus einer Pistole, einem Maschinengewehr und einer Schrotflinte sehr dürftig. Dieses Defizit macht der Bogen allerdings mehr als wett, da er, sofern man die Vorliebe des lautlosen Killers teilt, ohnehin die meist genutzte Waffe sein dürfte.

Bloß nicht herunterschauen!

Jenseits der Entdeckungstouren wird natürlich wieder serientypisch geklettert, gerätselt und geballert, auch wenn sich die Gewichtung etwas verschoben hat. Während Kletter- und Rätselpassagen damals im Vordergrund standen und Schusswechsel das Geschehen auflockerten, sind die Scharmützel einen Platz vorgerutscht, während die Rätsel das Schlusslicht bilden. Ein stimmiges archäologisches Notizbuch à la „Indiana Jones“, wie es auch bei allen Teilen von „Uncharted“ vorzufinden ist und teils kreative Kopfnüsse bietet, sucht man hier vergebens. Bleiben beinahe ausschließlich Physikrätsel und die Lust nach mehr.  Schade.

Auf der anderen Seite kommt man als virtueller Bergsteiger voll und ganz auf seine Kosten. Anfangs noch sind es nur kleinere Erhöhungen, die Lara erklimmt, bis sich ihr Repertoire an nützlichen Utensilien vergrößert. Beispielsweise kann Lara im späteren Spielverlauf mit ihrem Bogen Seilrutschen spannen, um entfernte Plateaus zu erreichen oder mit der Kletteraxt bestimmte Felswände hochkraxeln und wie auf Spitze eines Funkturms unglaubliche Weitsichten genießen. Adrenalin pur – großartig! Mit neuen Ausrüstungsgegenständen lohnt sich auch der Besuch bereits erkundeter Gebiete, um vorher unpassierbare Wege weiter erkunden zu können, „The Legend of Zelda“ lässt grüßen.

Ebenfalls begeistert bin ich von der Spielwelt an sich, die mit einem hohen Detailgrad sehr natürlich wirkt. Hasen, Ratten Hirsche, Wölfe, Krähen und anderes Getier bevölkern die dichten Wälder. Büsche und Sträucher reagieren auf Körperkontakt, wehen mit dem Wind und auch die Wettereffekte sind grandios. Ob Regenschauer oder Schneeverwehungen, die Umwelt von „Tomb Raider“ lässt einen das heimische Wohnzimmer schnell vergessen. Angesichts des Hundewetters ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass der neueste Ableger der Serie mit poppigen Farben geizt und sich anstelle von bildschönen Panoramen Schneisen der Verwüstung darbieten. Einzig missfallen haben mir beim Leveldesign die vielen Wellblechbarraken, die sich über die Insel erstrecken. Kein schöner Anblick, zum Glück aber nicht im Spielverlauf allgegenwärtig.

Trailer

Benny

Fazit

Ein hervorragendes Abenteuer, das auch technisch überzeugt. Grafisch sehe ich „Tomb Raider“ als Genrereferenz, spielerisch wäre Laras neueste Expedition locker mit „Uncharted“ gleichauf gewesen, wenn die Rätseldichte nicht so vernachlässigt worden wäre und sich das eine oder andere malerische Panorama geboten hätte. Über das kleinere Waffenarsenal schaue ich getrost weg, ich klettere ohnehin viel lieber durch die virtuelle Weltgeschichte, anstelle Blei in meine Gegner zu pumpen. Dennoch hätte ich mir gewünscht, dass Lara nicht allzu sehr im Rampenlicht steht und so viel Platz für Nebencharaktere lässt, damit sie Sympathien aufbauen und für etwas Humor sorgen könnten - der quasi gar nicht vorhanden war. Aber was soll das Gezeter?! Schließlich handelt es sich hier um einen echten Top-Titel, den ich nicht kleiner reden möchte, als er ist. Ich freue mich jedenfalls schon jetzt riesig auf die bereits offiziell angekündigte Fortsetzung und werde aller Voraussicht nach auch einen Blick bei der anstehenden Kinoverfilmung riskieren, die auf den Reboot basieren soll.

Wertung: 8.9

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