Review

Ni No Kuni

Genre: J-RPG | Publisher: Namco Bandai | Entwickler: Level 5 | FSK: Ab 12 Jahren

Die Ankündigung von „Ni No Kuni“ war für Animefans eine kleine Sensation aus heiterem Himmel, denn das J-RPG wurde in Zusammenarbeit mit dem renommierten Studio Ghibli entwickelt und sollte ursprünglich für die PlayStation 3 und den Nintendo DS erscheinen. Letztere Version wurde allerdings später, zugunsten der Exklusivität, gestrichen. Schade, denn obwohl die leistungsstarke Cel-Shading-Grafik der PS3-Version bereits beim ersten Bildmaterial ordentlich aussah, passte die einst geplante Variante für das Handheld besser zu den Werken von Hayao Miyazaki und Isao Takahata. Da Titel wie „Nausicaä aus dem Teil der Winde“ oder „Only Yesterday“ zu meinen absoluten Lieblingsfilmen gehören, stand der Blindkauf von Anfang an fest – mit großen Erwartungen. Vielleicht zu großen?

Eine warmherzige Geschichte (mit Längen)

Der kleine Junge Oliver, der einer Legende nach die todgeweihte (Parallel-)Welt retten wird und deswegen der weißen Königin ein Dorn im Auge ist, soll sterben! Mit dieser Aufgabe betraut die weiße Königin den dunklen Dschinn und entsendet diesen in die Menschenwelt. Als Oliver sich am Abend auf leisen Sohlen herausschleicht, um das selbstgebaute Gefährt seines Tüftlerfreundes Philip – der augenblicklich an Tombo aus „Kikis kleiner Lieferservice“ erinnert – Probe zu fahren, löst sich wie von Geisterhand das linke Hinterrad und Oliver saust schnurstracks in den Fluss. Dank der Intuition seiner Mutter, die in der Zwischenzeit nach ihrem Sohn sucht, kann er von ihr aus dem Fluss gezogen werden.

Der Anschlag scheint vereitelt worden zu sein, da bricht Olivers Mutter wegen all der Aufregung zusammen und stirbt aufgrund ihres schwachen Herzens wenig später im Krankenhaus. Ohne seine Mutter, so ist die weiße Königin sich sicher, wird niemand Oliver den Weg weisen. Sie überlässt den traurigen Jungen sich selbst, der mit seiner Träne den Fluch seines Stofftiers bricht und Tröpfchen, den Großfürsten der Feen, wieder zum Leben erweckt. Ein ulkiger Zeitgenosse, der dem Protagonisten mit seiner saloppen Redensart schnell wieder Hoffnung gibt: Die Menschenwelt ist mit seiner eng verbunden, jeder Mensch hat dort einen Seelenverwandten. Sowie auch Olivers Mutter, nämlich die große Weise Alice, die vom dunklen Dschinn in ein Juwel gesperrt wurde. Tröpfchen vermutet, dass wenn es ihnen gelingt, Alice zu befreien auch Olivers Mutter gerettet werden kann. Schnell willigt Oliver ein, den Weg eines Magiers einzuschlagen und in Tröpfchens Welt zu reisen.

Ghibli-Fans werde ich an dieser Stelle nichts Neues erzählen, wenn ich sage, dass ich dieses Animestudio deswegen am meisten schätze, weil es ihnen spielendleicht gelingt, ernste Handlungen, wie etwa die Verschmutzung der Umwelt oder den Weg der Selbstfindung, so einfühlsam, wie es kaum anderen Werken gelingt, zu präsentieren und unglaublich sympathischen Helden Leben einhaucht. Mit dem wohl charmantesten Artdesign aus der Welt des Animationsfilms liegt über jedem Film eine gewisse Magie, deren Zauber auch beim Auftakt von „Ni No Kuni“ sofort präsent ist. Stundenlange Unterhaltung à la Ghibli gibt es allerdings, wenn überhaupt, nur mit unschönen Unterbrechungen. Zu groß erscheinen die Längen immer wieder zwischen all den Kämpfen und Aufgaben, die es zu erledigen gilt. Zu selten wird die Geschichte von „Ni No Kuni“ mit den traumhaftschönen, handgezeichneten Zwischensequenzen des Ghibli-Studios erzählt. Meist muss man mit der (dennoch sehr gelungenen) Cel-Shading-Optik vorlieb nehmen, die nichtsdestotrotz den Ghibli-Charme versprüht. Oftmals weicht auch die exzellente Vertonung (wahlweise Englisch oder doch lieber Japanisch) monotonen Soundeffekten bei den Textboxen. Hier hätte ich mir vielmehr eine Fantasiesprache wie bei „Okami“ gewünscht, die die tolle Atmosphäre nicht so schnöde unterbricht.

Dennoch, die Handlung ist für ein Videospiel überdurchschnittlich gut inszeniert, nur merkt der Kenner der Animes schnell, dass „Ni No Kuni“ nicht vom Ghibli-Studio selbst geschrieben sondern nur optisch unterstützt wurde und Highlights wie „Chihiros Reise ins Zauberland“ oder „Prinzessin Mononoke“ längst nicht erreicht werden - dafür fällt das herzerweichende Drama um Oliver und seiner Mutter stellenweise einfach zu naiv aus.

Im „Königreich der Katzen“

Mit zig Anspielungen an die vielen Filme, das Königreich Katzbuckel lässt grüßen, ist die Spielewelt von „Ni No Kuni“ nicht zuletzt auch wegen den satten Farben, den vielen Details und der späteren Reisemöglichkeiten einfach atemberaubend schön. Die musikalische Untermalung lässt schwelgen, das tolle Charakter- und Artdesign das Gemüt erwärmen, spätestens dann, wenn der Ladenbesitzer mit dem typischen „Ghibli-Rauschebart“ sanftmütig dreinblickt. Toll!

Und auch an Hintergrund fehlt es der Welt nicht im Geringsten. Immer wieder entdeckt Oliver Teile eines seitenstarken Tagebuchs, das unter anderem mit diversen Märchen gefüllt wird, die derart qualitativ geschrieben sind, dass sie es auch wirklich wert sind, gelesen zu werden und sogar hin und wieder Verwendung in Rätseln finden.

„Ni No Kuni“ ist vor allem eines, eine eindrucksvolle, virtuelle Fantasiereise. Da verzeiht man auch das schlauchartige Leveldesign der Häuser, Katakomben, Wälder und Städte, die immer wieder Reiseziele in der weitläufigen Oberwelt sind. Dass es aber noch eine Schippe besser geht, zeigt „Xenoblade Chronicles“ auf der Nintendo Wii mit Bravour.

Pikachu, Donnerschock!

Die größte Schwäche vieler J-RPGs ist das angestaubte, rundenbasiere Kampfsystem, das allzu oft mit nervigen Zufallskämpfen negativ auffällt. Zum Glück bleibt „Ni No Kuni“ diesen Wurzeln nicht allzu sehr treu und wartet mit einem rundenbasierten System in Echtzeit auf. Oliver (und seine späteren Begleiter) können wahlweise selbst angreifen oder ihre Vertrauten, putzige Kreaturen, die in Hundertschaften die Welt füllen und allesamt für die eigene Gruppe auch gewonnen werden können, in den Kampf schicken. Neben Zaubersprüchen können einfache Attacken, die Defensivhaltung und diverse andere Talente ausgespielt werden, welche anschließend für einen kurzen Moment aufgeladen werden müssen, um sie erneut auszuspielen. Anfangs noch sehr leicht, nehmen die Kämpfe an herausfordernder Fahrt auf, werden aber keineswegs unfair. Einzig könnte die eigene Stufe zu niedrig, das Inventar zu wenig Leckereien (zum Heilen, Auffüllen der Magiepunkte oder anderer temporärer Eigenschaften) parat halten oder der Gegner erst durchschaut werden müssen, um siegreich zu sein.

Vor allem das Aufleveln der Vertraute ist genial umgesetzt und erinnert direkt an die große Vorlage „Pokemon“. Nicht nur das simple Aufsteigen von bestimmten Werten ist möglich, die Kreaturen ändern je nach Fortschritt ihre Optik und gewinnen ebenfalls an nützlichen Talenten, die das Kampfgetümmel bereichern.

Auch eine tolle Spielerei ist der Alchemiekessel, in dem mittels Zutaten neue Objekte geschaffen/verbessert werden können. Neben solchen Gimmicks lockern auch Rätsel immer wieder den Spielverlauf auf. Kreativ fand ich vor allem die Prüfung der Freundschaft, bei der zwei Charaktere gleichzeitig mit beiden Analogsticks durch einen Parcours gelotst werden müssen.

Nur das System um die „gebrochenen Herzen“ verschenkt enormes Potenzial. Es gibt viele Charaktere, denen ein Teil ihres Herzens gestohlen wurde und aus verschiedenen Gründen antriebslos sind. Erst, wenn man das passende Herzstück von einem anderen Charakter, der es im Überfluss sein Eigen nennen kann, bekommen und jenes Defizit beim Opfer gelindert hat, werden manche Hürden gemeistert oder eine der vielen Nebenmissionen erledigt. Problem ist nur: Das passende Herzstück befindet sich oftmals nur virtuelle 10 Meter entfernt, auf der Karte sogar angezeigt, so dass jedweder Reiz verloren geht und die gebrochenen Herzen zu simplen „Von-A-nach-B-und-zurück“-Missionen degradiert werden. Schade.

Trailer

Benny

Fazit

Selten habe ich einen solch stimmigen Auftakt in einem Videospiel erlebt, wie bei „Ni No Kuni“. Die ersten Minuten haben mich dank des Ghibli-Charmes prompt verzaubert, der vor allem durch die tolle Optik und den schönen Soundtrack erzeugt wird - nur leider eben weniger durch die erzählerische Stärke des renommierten Studios. Studio Ghibli war „lediglich“ für das tolle Charakter- und Artdesign verantwortlich, ebenso für die traumhaft schönen Zwischensequenzen. Die Handlung selbst stammt vom Entwicklerteam, mit all den Längen, die es nach mehreren Stunden sogar geschafft haben, dass der rote Faden riss und ich eine kurze Pause einlegte, eh ich weiter als Oliver kämpfte, um seine Mutter zu retten. Unterm Strich ist „Ni No Kuni“ vor allem auch wegen den überzeugenden Spielmechaniken ein tolles J-RPG geworden, aber erzählerisch nicht das Beste der aktuellen Konsolengeneration.

Wertung: 8.5

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