Review

XCOM: Enemy Unknown

Genre: Rundenstrategie | Erhältlich für: PlayStation 3, X-Box 360, PC | Preis: ca. 60 Euro

Da war mein rundenstrategischer Ruhestand plötzlich vorbei – die Pflichte rief mich, einen alten Veteran, der die Erde bereits zweimal vor der außerirdischen Invasion erfolgreich verteidigt hat. 1994 zu Boden (XCOM: Enemy Unknown) und 1995 am Grunde des Meeres (XCOM: Terror from the Deep), bis die Serie in der enttäuschenden Apokalypse (XCOM: Apocalypse) für mich gestorben ist. Eine Shooter-Ankündigung im XCOM-Universum ließ mich jüngst nur müde lächeln, bis das scheinbar Unmögliche bevorstand: Ein anspruchsvolles Remake des Erstlings, so zumindest das Versprechen der Entwickler. Kann es das im Jahre 2012 wirklich noch geben?  Ein Taktikspiel der alten Schule? Oder folgt nur ein weiterer Kniefall vor dem actionorientierten Mainstream? Ich wurde neugierig…

Alles hört auf mein Kommando!

Die Lage ist prekär. Weltweit fallen Außerirdische über Städte her. Zivilisten werden entführt oder eliminiert, und während sich zusehends Panik über den Globus ausbreitet, betrete ich die Kommandobrücke der paramilitärischen Organisation namens XCOM. Nationen schöpfen Hoffnung, als ich die Einrichtung inspiziere und erste Anweisungen erteile.

Schnell stellt sich das Gefühl der Vertrautheit ein, denn der anspruchsvolle Umfang alter XCOM-Teile wurde beibehalten, so dass neben den rundenbasierten Gefechten die Basis eine überschaubare Wirtschaftssimulation bietet, die ungemein motiviert. Der Ausbau der unterirdischen Anlage wurde besser denn je in Szene gesetzt, so müssen Bereiche durch Bohrungen erst erschlossen und über Aufzüge zugänglich gemacht werden. Kraftwerke versorgen den Stützpunkt mit Energie, Satellitenkontrollzentren spüren Ufos weltweit auf, um sie schließlich mit Abfangjägern abzuschießen. Und andere Einrichtungen wiederum dienen der Forschung und Entwicklung neuer Waffensysteme, die auf außerirdische Technologien basieren. Da das gesamte Projekt geradezu Gelder und außerirdische Artefakte nur so verschlingt, und das Personal jederzeit ausgelastet ist, gilt es, mit seinen Mitteln zu haushalten und die Zeit aller Vorhaben nicht außer Acht zu lassen. Denn je mehr Panik sich in der Welt ausbreitet, desto wahrscheinlicher ist es, dass Mitgliedsstaaten diesen Bund verlassen und XCOM nicht länger mit finanziellen Mitteln am Monatsende unterstützen.

Was kompliziert klingen mag, ist mit wenigen Klicks und etwas Gehirnschmalz gemeistert und verbirgt ein enormes Suchtpotenzial, denn sehr schnell stellen sich Erfolge in der Forschung und Entwicklung ein, so dass unter anderem Laserwaffen, stärkere Rüstungen, mobile Waffenplattformen und andere Utensilien auf sich warten lassen. „Nur noch zwei Tage“ (im Zeitraffer) denkt man sich nicht selten, dann steht zum Beispiel die Plasmapistole bereit. Doch bevor die Truppen in der Kaserne mit der neuen Errungenschaft ausgerüstet werden können, steht auch schon der nächste Einsatz bevor.

Feindkontakt!

Die Missionen sind natürlich das Kernstück von „XCOM: Enemy Unknown“, die sich sehr vielseitig präsentieren. Mal gilt es Aliens zu eliminieren, die in Städten oder in der Wildnis Stellungen bezogen haben, mal müssen Zivilisten eskortiert, außerirdische Bomben entschärft oder gelandete/abgeschossene Ufos geborgen werden. Insbesondere die Ufo-Missionen sind ein spannendes Unterfangen, so reichen sie von kleinen Flugkörpern, bis hin zu riesigen Raumschiffen, deren dunkle Winkel Platz für zahlreiche Widersacher bieten.

Anders als bei den Vorgängern ist die Truppengröße zwar auf maximal sechs Soldaten gesunken, dafür erlangen sie mit der Zeit originelle Sonderfertigkeiten, so beispielsweise Sturmtruppen, die nach einem Sprint (zweimalige Bewegung pro Spielzug, nach der normalerweise weitere Aktionen entfallen) ihre Waffen einsetzen können, Unterstützungseinheiten, die beim Anwenden von Medikits nochmals mehr Lebenspunkte regenerieren können oder Scharfschützen, die einen weiteren Gegner anvisieren können, wenn Feinde unter Beschuss genommen haben, die sich nicht in Deckung befinden.

Das System von „XCOM: Enemy Unknown“ ist sehr vielseitig, bietet je nach Spielstil diverse Möglichkeiten, beginnend bei der freien Wahl der Truppen-Zusammenstellung. Grundsätzlich dürfen sich Einheiten pro Spielzug einmal bewegen und eine Aktion ausspielen (Feuern, Heilen, Gegner betäuben oder in Feuerbereitschaft gehen, so dass sie in der Alienphase Gegner aus Korn nehmen, die sich durch deren Sichtbereich bewegen). Ausgenommen sind schwere Waffen wie Scharfschützengewehre oder Raketenwerfer, die nur stationär eingesetzt werden können. Letztere können wie Handgranaten gar Wände einreißen, um Ziele für weitere Truppenmitglieder sichtbar zu machen. Um schneller vorzurücken, kann der bereits erwähnte Sprint ausgeführt werden, zweimaliges Bewegen, wohingegen weitere Aktionen entfallen.

Damit die Soldaten den Kampf überleben, sollten Deckungen optimal genutzt werden. Eine volle Deckung schützt die jeweilige Einheit gänzlich gegen gegnerischen Beschuss, während aus halber Deckung gefeuert werden kann, bzw. die Trefferwahrscheinlich seitens der Gegner sinkt. Auch die Vitalität der Truppenmitglieder spielt eine große Rolle. Bei schweren Verletzungen können sie in Panik ausbrechen, so dass sie sich unkontrolliert bewegen, im kommenden Spielzug nicht ausgespielt werden können, oder wild um sich ballern. Ebenfalls werden schwer verletzte Einheiten auf die Krankenstation verlegt, so dass sie mehrere Tage nicht zur Verfügung stehen und der Spieler auf niedriger gestufte Einheiten zurückgreifen muss.

So umfangreich das Spielsystem von „XCOM: Enemy Unknown“ ist und so viele Möglichkeiten es bietet, es gibt dem Spieler niemals das Gefühl, ihn zu überfordern.

Der Alien-Technik unterlegen

In Sachen Inszenierung hat das Remake einen großen Schritt gemacht, denn die Handlung wird mit vorbildlich, sogar auf Deutsch vertonten Einsatzberichten stimmig erzählt. Ich war bereits ab der ersten Minute mitten im Geschehen, als mich das Personal willkommen hieß und auf meine Befehle wartete. Einzig die Unreal-Engine lässt die Grafik hinter den restlichen Stärken von „XCOM: Enemy Unknown“ etwas hinterherhinken. Texturen werden teils nachgeladen, Personen sind detailarm, auch die Effekte hat man bei anderen Spielen deutlich eindrucksvoller gesehen. Auf der anderen Seite zeigen die Entwickler immer wieder die Liebe fürs Detail. So auch im Tutorial, die erste spielerische Begegnung mit den Außerirdischen – in Köln, wo silbergrüne Polizeiautos stehen, Werbeplakate die Wände zieren oder anderorts Kopiergeräte oder Computer Bürogebäude füllen. Dass man seine Soldaten komplett individualisieren kann, ist ebenfalls ein von der Serie bekanntes Feature. Als man damals die Namen frei bestimmen konnte, können nun auch Gesichter angepasst werden. Einen hochwertigen Charaktereditor wie bei „Dragon's Dogma“ findet man hier zwar nicht vor, ein nettes Gimmick ist es aber allemal.

Auch über den einen oder anderen kleinen Bug kann man getrost hinwegschauen, so hat mein Scharfschütze nach der Bewegung von seiner Pistole Gebrauch gemacht, optisch aber sein Scharfschützengewehr abgefeuert. Untermalt wurde diese Aktion wiederum korrekterweise mit dem Pistolensound. Kleinigkeiten, die den Spielfluss nicht stören und bestimmt mit der Zeit bereinigt werden.

Trailer

Benny

Fazit

Totgeglaubte leben länger. Zugegeben, ich hätte im Actionzeitalter nicht mit einer derart detailverliebten Rückkehr des einstmaligen Taktikhits „XCOM: Enemy Unknown“ gerechnet, ein Remake, das sich ganz nah am Original bewegt und mich auf Anhieb stundenlang packen kann. Wiederum konnte man auch 1998 erleben, wie „Baldur's Gate“ nach langer Rollenspielabstinenz ein ganzes Genre zurück ins Leben holte und einen Hype losgetreten hatte. Und da sich Mode und Geschichte ohnehin ständig wiederholen, hätte ich die leise Hoffnung, jemals wieder einen gelungenen XCOM-Teil spielen zu können, nie gänzlich begraben dürfen. Fans der Serie können ohne Bedenken blindlings zugreifen, Strategie-Neulinge dürften dank der intensiven Erzählweise ebenfalls schnell in den Bann gezogen werden. Bleibt nur meine Hoffnung, dass das Remake derart erfolgreich sein wird, dass auch der Nachfolger „XCOM: Terror from the Deep“ neu aufgelegt wird, da er mir damals mit seinem düsteren Unterwassersetting nochmals mehr Spaß gemacht hat, als sein Vorgänger.

Wertung: 9,1

Wir bedanken uns recht herzlich bei 2K Games für die freundliche Bereitstellung des Rezensionsexemplares.

Alle Rechte vorbehalten.
Die Copyrights von Ton- und Bildmaterial liegen bei den jeweiligen Verleihern, Verlagen, Labels, Studios und Künstlern.