Review

The Unfinished Swan

Genre: Artgame | Erhältlich für: PlayStation 3, PSN | Preis: ca. 12,99 Euro

Es war einmal ein gewaltfreier Shooter im Märchengewand, der, wie viele andere Geschichten seiner Art, einen traurigen Anfang nahm: Monroes Mutter, die vieles im Leben begann, aber nicht zu Ende brachte, ist gestorben. Hinterlassen hat sie über 300 unvollendete Leinwände, von denen Monroe nur eines mit ins Waisenhaus mitnehmen durfte. Er entschied sich für das Lieblingsbild seiner Mutter, den „unvollendete Schwan“. Als Monroe eines nachts entdeckte, dass der Schwan aus dem Gemälde verschwunden war, nahm er den silbernen Pinsel seiner Mutter und folgte den Fußspuren des Ausreißers, bis er zu einer Tür gelangte, die er nie zuvor gesehen hatte. Eine Reise der Selbstfindung beginnt, auf der der kleine Monroe den schweren Schicksalsschlag verarbeitet.

Ich bin im Bilde

Keine Farben, nicht einmal Schatten oder Konturen, alles um mich herum ist weiß. Neugierig setze ich mich in Bewegung, höre den knirschenden Sand unter meinen virtuellen Füßen, bis ich gegen eine Wand laufe, mich umdrehe und… nichts sehe. Nur weiße Leere und ein rundes Fadenkreuz. Intuitiv drücke ich die Schultertaste und schleudere daraufhin eine schwarze Farbkugel, die gegen eine Wand klatscht und ein großer Klecks die Ecke einer Wand andeutet. Was mich in dieser Welt wohl erwartet? Ich werfe weitere Kugeln, entdecke einen kleinen Weg, auf dem ich hübsche Scherenschnittwerke schaffe und bestaune, während aus der Ferne das Quaken von Fröschen zu mir dringt. Alsbald zeichnet sich der Ufer eines Sees ab, an dem mich die gelben Spuren des Schwans zu einer schmalen Brücke führen. Mit lautem Poltern überquere ich diese, um auf der anderen Seite des Sees eine Burg zu ertasten. Plötzlich höre ich Musik, elektro-barockartige Klänge, die mich dazu einladen, die Burg zu betreten.

Eine ideenreiche Entdeckung

Goldene Objekte, Teile eines unsichtbaren Ganzen ziehen meine Aufmerksamkeit auf sich, darunter auch Buchstaben, die bei „Beschuss“ die Geschichte um den hiesigen König (und auf Deutsch vertont) erzählen: Einst wollte er ein makelloses Königreich erschaffen und strich es rundum weiß. Weil seine Untertanen sich aber ständig verliefen oder gar stießen, gewährte er Schatten und dezenten Farben in seinem Land. Und so kam es, dass sich die folgenden drei Kapitel von „The Unfinished Swan“ spielerisch sehr voneinander unterscheiden und Monotonie zu keiner Zeit aufkommt. Das zweite Kapitel etwa gleicht dabei einem frischen Mix aus „Mirror’s Edge“ und „Flower“, während man in bester Jump’n’Run-Manier durch die minimalistische Darstellung des königlichen Hofes läuft, Leitern auf- und absteigt, sich in luftige, teils schwindelerregende Höhen begibt und dabei Wurzelranken sprießen und wachsen lässt, um an ihnen nur noch höher zu kraxeln. Das Leveldesign beweist dabei manches Mal erstaunliche Qualitäten.

Kleinere, aber nicht minder clevere Rätseleinlagen sorgen immer wieder für Abwechslung. Der schöne Soundtrack lockert die Handlung auf, so dass sich Trübsal zu keinem Zeitpunkt breitmacht – ganz im Gegenteil, „The Unfinished Swan“ ist ein lebensbejahendes Feel-Good-Abenteuer, das viel Raum für eigene Interpretationen lässt. Der erste Durchlauf dauert etwa 3-4 Stunden, je nachdem, wie viel Zeit man dem Spiel und vor allem sich selbst gönnt, um in eine unverbrauchte Welt einzutauchen. Für Wiederspielwert sorgt nicht nur die einzigartige Spielerfahrung an sich, sondern auch die überall im Spiel versteckten Ballons, sowie eine sehr anspruchsvolle Trophäe, bei der es gilt, den ersten von mir beschriebenen Abschnitt des Spiels zu durchlaufen und dabei maximal drei Farbkugeln abzufeuern. Ein eindrucksvolles Unterfangen, da spätestens bei dieser Herausforderung die klasse Soundkulisse Bilder im Kopfkino formt.

 Trailer

Benny

Fazit

Was große Blockbuster nicht schaffen, gelingt „The Unfinished Swan“ spielend, mit einer gehörigen Portion Kreativität ein vollkommen neues Spielgefühl zu bieten. Wie bei „Journey“ (wer findet das Easter Egg im Spiel?) sehe ich die kurze Spieldauer nicht als Nachteil, denn anders als umfangreiche Spiele laden kurze Titel zum mehrmaligem Durchspielen ein, ich selber war derart beeindruckt vom unvollendeten Schwan, dass ich nach dem ersten Durchgang ein weiteres Mal durch das skurrile Königreich über Stock und Stein stolperte, ohne mich bei diesem intensiven Erlebnis alleingelassen zu fühlen. Denn obwohl man nur eine Handvoll Charaktere trifft, unter anderem einen Riesen mit einer gehörigen Mütze voll Schlaf, so fühlt sich „The Unfinished Swan“ sehr lebendig an. Freunde von Artgames sollten definitiv einen Blick riskieren, zumal der geringe Preis wenig Risiko birgt.

Wertung: 9.2

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