Review

Retro/Grade

Entwickler: 24 Carat Games | Genre: Musik / Shoot'em Up | Plattform: PlayStation 3 (PSN)

Vermutlich gehöre ich zu einer sehr seltenen Gattung von Videospieler. Ich stehe unheimlich auf Rhythmus-Spiele, bei denen es darum geht, einen gewissen Tunnelblick zu entwickeln, um halb in Trance heranfliegende Notenformationen durch entsprechende Tastendrücke aufzufangen und dadurch die Musikstücke vereinfacht nachzuspielen. Woran ich aber geradezu verzweifle ist ein Gitarrencontroller.

Früher war mehr Simplizität

Was war ich entzückt, als Activision mit DJ Hero und DJ Hero 2 Futter für die Gitarren-Muffel-Fraktion auf den Markt geworfen hat. Und nicht von irgendwo her haben die beiden Spiele etliche Auszeichnungen für den besten Spiele-Soundtrack erhalten. Wonach ich mich aber insgeheim sehnte, war ein neu aufgelegter Titel im Stile von "Frequency" oder "Amplitude". Kennt diese PS2-Titel noch jemand? Dort ging es darum, Bahnen mit jeweils drei Notenspuren durch simplen Druck auf die Standard-Controller-Tasten zu aktivieren. Simpel, aber in den hohen Schwierigkeitsgraden absolut fordernd.

Ich traute meinen Augen kaum, als ich letzte Woche im PSN auf Retro/Grade von 24 Carat Games gestoßen bin. Es kombiniert in ganz köstlicher Art und Weise ein Rhythmus-Spiel mit einer witzigen Shoot'em Up Verpackung. Schon nach dem ersten Track, den ich kopfnickend, fußwippend und selig grinsend absolvierte, war es um mich geschehen. Das alte Rhythmus-Game-Gefühl war wieder hergestellt. Den Millionen von normalen Gamern da draußen, die nicht vor einem Gitarren-Controller zurückschrecken, sei gesagt, dass Retro/Grade auch mit einer Gitarre gespielt werden kann.

Einmal Endboss und zurück...

Das Interessante an Retro/Grade ist die Aufmachung als klassisches sidescrolling Shoot'em Up. Die Besonderheit: Eure Aufgabe ist, das Raum-Zeit-Kontinuum wiederherzustellen, nachdem ein dicker Endgegner besiegt wurde. Ja, richtig, Retro/Grade wird rückwärts gespielt. Das Spiel beginnt mit der Zerstörung des Bossgegners, gefolgt vom Abspann. Mein erster Gedanke beim ersten Anspielen war "Oh nee, da haben die Entwickler wohl einen Bug eingebaut." Doch was ist das? Der Abspann friert ein und wird zurückgespult… da ist der Bossgegner wieder… nun fliege ich rückwärts von ihm weg.

Ab jetzt gilt es, selber abgefeuerte Schüsse im richtigen Takt zur Musik auf verschiedenen Bahnen wieder einzufangen, sowie von hinten heranfliegenden Schüssen der Gegner erneut auszuweichen. Klingt abgefahren? Ist es auch. Und während man bei einigen Spielen die Zeit zurückspulen kann, um einen Fehler zu korrigieren, verfügt Ihr in Retro/Grade über speziellen Zeit-Treibstoff, der es erlaubt, die Zeit kurzfristig vorwärts laufen zu lassen. Ansonsten wird Genretypisches geboten: Je länger Schüsse (aka Noten) in Serie korrekt aufgefangen werden, steigt ein Punkte-Multiplikator. Per entsprechendem Extra kann der Multiplikator auch noch für kurze Zeit verdoppelt werden. Witziges Detail: Da Ihr ein Level rückwärts spielt, habt Ihr zu Beginn ein prall gefülltes Punktekonto. Mit jeder richtigen Aktion, werden Euch Punkte abgezogen. Und folgerichtig trägt man sich am Ende mit seinem persönlichen "Lowscore" in die Online-Rankings ein. Bester Pilot ist derjenige mit den wenigsten Punkten.

Leider verfügt Retro/Grade lediglich über 10 Tracks, die aneinandergereiht die "Kampagne" ergeben. Diese kann in 6 Schwierigkeitsgraden von Anfänger bis Extrem absolviert werden. Daneben wartet ein umfangreicher Herausforderungsmodus, in dem die gleichen 10 Tracks unter besonderen Bedingungen mit speziellen Aufgabenstellung absolviert werden müssen. Hier lassen sich dann auch neue Schiffe, Konzeptgrafiken und Musik-Tracks für einen eingebauten, simplen DJ-Turntable freischalten, der es erlaubt, die Stücke zu scratchen und zu mixen.

Kleines Schmankerl am Rande: Retro/Grade kann via Remote Play auch auf PS Vita oder PSP gespielt werden, falls der Fernseher mal belegt sein sollte. Dann empfiehlt sich allerdings die Verwendung von Kopfhörern, sowie eine spezielle Kalibrierungsoption im Spiel, um die leichte Verzögerung bei der WLAN-Übertragung auszugleichen.

Trailer

Christian

Fazit

Freunde von Shoot'em Ups, die zwar von der Rückwärtsidee angetan ansonsten aber keinen Fable für Musik-Spiele haben, sollten eher die Finger von Retro/Grade lassen. Zu groß könnte die Enttäuschung sein, dass es spielerisch im Kern ein Rhythmus-Spiel ist. Allen anderen sei Retro/Grade wärmstens empfohlen, für Liebhaber von Musikspielen, Gitarren-Freaks und alten Fans von Frequency und Amplitude ist es ein Pflichtkauf. Es sei denn, man hat PSN Plus, dann ist es "nur" ein Pflicht-Download, da es zur Zeit für PSN Plus Mitglieder kostenlos angeboten wird.

Wertung: 8.5

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