Filmtipp

The Raid (2011)

Genre: Action | Produktionsland: Indonesien | FSK: ab 18

Wie bitter ist es eigentlich für's Portemonnaie, wenn zwei potenziell gute Superhelden-Blockbuster im selben Monat anlaufen? Nicht nur das, denn nur zwei Wochen nach dem Kinostart des dritten Fledermaus-Films breitet sich auch Ridley Scotts langerwarteter (und in Deutschland deutlich verspäteter) "Prometheus" über die Leinwände aus. Der Filmfan freut sich, der einkommensschwächere Filmfan ärgert sich, dem Ottonormalgucker ist es Latte und die Verleiher kämpfen mit massiven Werbekampagnen um die Gunst aller Zielgruppen.

Was passiert, wenn man jetzt einen indonesischen Actionfilm mit dem einfallslosen Titel "The Raid" mitten in dieses Becken schmeißt? Ganz einfach: Er geht nicht nur unter, sondern er wird auch noch von Raubfischen zerfetzt. Auch ohne die Platzierung mitten im Blockbuster-Sommer hätte es der Film nicht leicht. Mal ehrlich… Indonesien?! Haben die irgendwann mal etwas Geiles abgeliefert? Spätestens jetzt kann man sagen: Verdammt noch mal, ja!

Die Story

Ein zwanzig Mann starkes Sondereinsatzkommando stürmt ein mit schwer bewaffneten Gangstern besiedeltes Hochhaus… das war's! Ehrlich, viel mehr Story gibt es nicht, denn diese simple wie ausgelutschte Ausgangssituation dient nur einem einzigen Zweck: Dem Aneinanderreihen der wohl besten, härtesten und abwechslungsreichsten Actionszenen seit Jahren. Das Geniale ist, dass sich der Film zu jeder Sekunde dieser Tatsache bewusst ist. Anders als in Filmen wie "Ong-Bak" oder "The Expendables" wird nicht einmal versucht so etwas wie Charaktertiefe oder Dramatik zu etablieren. Zwar weiß es der Film nach jeder Actionorgie auf die Bremse zu treten, aber diese ruhigen Momente dienen einzig als Verschnaufpausen, um zwei Minuten später wieder Vollgas zu geben. Der britische Regisseur Gareth Evans hat es mit "The Raid" tatsächlich geschafft einen Film zu inszenieren, der nur durch seine Actionszenen lebt, aber aufgrund seines halsbrecherischen Tempos nie die Schwächen des Drehbuchs offenbart und hirnlos wirkt. Alles wirkt wie aus einem Guss.

Wer kommt denn jetzt genau auf seine Kosten? Ist der Film jetzt eher etwas für "Martial Arts"-Fans oder etwas für Freunde gut choreografierter Ballereien? Wie sieht es mit denen aus, die eher die härtere Gangart eines "John Rambo" bevorzugen? Kurioserweise gelingt es "The Raid" für jeden Geschmack das Richtige zu servieren. Fühlt man sich vielleicht von einer Massenschießerei gelangweilt, folgt nur wenige Minuten später ein wahnsinnig gut choreographierter Messer/Schlagstock-Kampf, den das Kino so noch nie gesehen hat. Selbst die eine oder andere "Bullet Time"-Szene gibt es zu bewundern, aber nie als stumpfes Gimmick, sondern stets im richtigen Kontext. Droht ein einziger Aufschrei eines Kindes die Mission zu gefährden, friert die Zeit förmlich ein, in der entschieden wird, ob der Junge ausgeschaltet werden soll, oder nicht. Jede ruhige Szene bereitet den Zuschauer auf den nächsten Adrenalinschub vor, bei dem auch mal ein Kühlschrank, ein Aktenschrank oder (kein Scheiß!) eine Glühbirne als Waffe zweckentfremdet wird.

Hollywood kann hier noch etwas lernen

Da der Westen kaum bis gar keine Filme aus Indonesien gewohnt ist, stellt sich die legitime Frage nach der technischen Umsetzung. Diese ist nicht nur 1A, sondern in Teilen sogar den aktuellen amerikanischen Actionfilmen überlegen. Werden seit den "Bourne"-Filmen die Actionszenen immer mehr zerhackt und im Millisekundentakt geschnitten, um künstlich Tempo zu erzeugen, weiß "The Raid" seine Schauwerte auszuspielen. Zwar wackelt die Kamera hin und wieder mal derbe, doch driftet der Film nie in ein verwirrendes Schnittmassaker ab. Man merkt deutlich, dass hier Kenner am Werk sind und keine verweichlichten Hollywood-Stars oder Anabolika zerfressene Großväter.

Die Musik hingegen ist Geschmacksache. Für den westlichen Markt wurde der Hans Zimmer ähnliche Score komplett durch neue Kompositionen seitens Mike Shinoda ersetzt. Dieser ist zwar recht gut und treibt ordentlich an, doch hört man mehr als einmal die typischen "Linkin Park"-Melodien heraus. Etwas mehr Druck hätte nicht geschadet.

Leider ist das auch nicht die einzige Änderung, die der Film auf seiner Reise in den Westen durchmachen musste. Für den US-Markt wurden drei Szenen entschärft, die wohl etwas zu kompromisslos waren. In Deutschland wurde diese Fassung übernommen, ohne zusätzlich am Film zu schnippeln. Die Schnitte fallen jedoch gar nicht auf und der Film trägt trotzdem zurecht seine "ab 18"-Freigabe. Sowohl die Protagonisten, als auch die Antagonisten gehen mit solch einer Härte vor, dass sensible Gemüter schon hin und wieder das Gesicht verziehen und "Uah!" seufzen müssen. Ein Bodycount von deutlich über hundert tut sein Übriges.

Trailer

Andre

Fazit

Wie eingangs erwähnt, wird der Film höchstwahrscheinlich hoffnungslos in Deutschland floppen. Dagegen werden auch positive Kritiken (83% bei rottentomatoes.com), als auch Mundpropaganda (7.9 bei IMDb.com) nichts ändern. Deswegen hier ein ganz klarer Appell: Lasst Eure Freundin daheim, krallt Euch zwei Kumpels, kauft Euch statt des überteuerten Popcorns ein überteuertes Bier und genießt 101 Minuten lang pures Action-Feuerwerk. Denn wenn der Film à la "Ong-Bak" nach seinem DVD-Release hohe Wellen schlagen wird, werdet Ihr sagen können "Ich weiß, dass der geil ist. Hab' den schon vor Monaten im Kino gesehen".

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