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Streaming kommt, Sammler gehen?

Piets Gedanken um den neuen Trend

Leise werden Erinnerungen wach, wenn ich so die letzten Kassetten aus den 80ern entsorge. Was war das noch für eine Zeit? Damals wurden noch umständlich Songs vom Radio aufgezeichnet und mit Freunden geteilt. Nach den ganzen hitzigen Diskussionen und Meldungen von der GEMA wird man blitzschnell wieder ins Jahr 2012 geholt. Die Technik hat sich dermaßen schnell entwickelt, dass man vieles bereits vergessen hat, wie z.B. das Gefühl, eine Musikkassette oder sogar einen Film zurückspulen zu müssen.

In den letzten 30 Jahren durfte ich Schritt für Schritt mit ansehen, wie die CD den Musik-Markt revolutionierte, wie Film-Liebhaber Türme an DVDs gesammelt haben und wie das sogenannte Heimkino dem Wohnzimmer eine besondere Note gegeben hat. Als Sammler hatte man es in den letzten Jahren nicht unbedingt leicht: Kaum hatte man alle VHS Filme auf DVD neu gekauft, schob man mit den Blu-Rays das nächste Filmformat auf den Markt, welches nach Jahren so langsam auch die Masse erreicht hat. Musik hat sich nicht nur in Form von CDs breit gemacht, sie hat die Musik-Liebhaber in mehrere Lager inzwischen aufgeteilt. Nachdem Napster & Co gezeigt haben, wie schnell man im Internet Musik verbreiten kann und dass das alte Geschäftsmodell nicht mehr richtig mithalten kann, sehen wir lauter legale Download- und Streaming-Dienste und eine Handvoll leidenschaftlicher Sammler, die wieder Schallplatten kaufen, um das Musikhören richtig zu zelebrieren.

Videospiele haben eine ähnliche Entwicklung hinter sich: Nachdem der Markt sich mit dem NES damals wieder erholen konnte, wurden sämtliche Konsolen mit ihren verschiedenen Speichermedien unter unsere Fernseher gebracht, viele PC-Spiele, die heute nicht mehr gescheit laufen und eine Masse an kleineren Spielen, die durch App-Store Spielspaß für 79 Cent versprechen. Zusätzlich hat Sony jetzt noch einen Streaming-Dienst gekauft.

Wo führt das alles hin?

Der Markt verändert sich gerade. Und zwar so richtig... schaut man über den großen Teich nach Amerika, kann man sehen, dass iTunes & Co digital inzwischen mehr Musik verkauft, als noch in CD Form. Webseiten wie Bandcamp dagegen verkaufen nach dem "Zahl soviel zu willst"-Prinzip und bieten vielen kleinen Bands eine Chance, die sich eine CD Pressung nie leisten könnten. Filme werden drüben auch mittlerweile schon gestream. Alles wird digital, schnell, günstig und der klassische Sammler, der gerne den Geruch von frisch bedruckten Verpackungen hat und es liebt, die Klarsichtfolie nach einer Shopping-Tour abzuziehen, bleibt auf der Strecke.

Besorgniserregender Trend?

"Ich glaube nicht, dass unsere klassischen Medien jemals verschwinden", hört man von vielen leidenschaftlichen Sammlern, die bereits mehrere Monatsgehälter in ihre Sammlung gesteckt haben. Diese Diskussion findet man auch häufig bezüglich digitaler und gedruckter Medien, wie Bücher und Zeitschriften, welche inzwischen immer häufiger auch auf E-Readern und iPads herunter geladen werden. Sollte man nicht lieber sagen "ich hoffe nicht"?

Streaming in der Praxis

Seit einigen Monaten benutze ich inzwischen Simfy, um neue Bands zu entdecken. Für gerade einmal 5 Euro im Monat kann ich auf der Arbeit, im Schlafzimmer und im Wohnzimmer Musik hören, in brauchbarer Qualität, ohne Dateien herum zu schieben, und lästige Fehlkäufe sind mir ebenfalls erspart geblieben. Als CD-Sammler merke ich aber inzwischen, dass meine Käufe zurückgegangen sind... ich wollte nur noch "die besten" Alben kaufen, wegen der Qualität und um die Künstler noch einmal direkt zu unterstützen. Mit meinen weniger als 10 Cent pro CD, die sie pro verkauften Datenträger bekommen... zugegeben, da ist es inzwischen nicht mehr so leicht, CDs in meinen Warenkorb reinzulegen. Vor allem sorgt der Dienst auch dafür, genau so wie MP3s & Co generell, dass man heutzutage viel mehr Musik hört und öfter nach Nachschub schaut. Also eine gefährliche Tendenz.

Wenn man jetzt Bücher, Filme und Videospiele nimmt, so haben sie angefangen, in eine ähnliche Richtung zu schwimmen. Es gibt immer mehr Auswahl, man braucht immer mehr Nachschub und Streaming und digitale Downloads gewinnen immer mehr an Bedeutung auf dem Markt. Hübsche Verpackungen sind nicht alles, auch wenn man gebrauchte Spiele so gut weiterverkaufen kann. Was wird passieren, wenn ich einen Filmstreaming-Dienst anfange, der ähnliche wie Simfy, Spotify & Co sagen wir für 15 Euro im Monat das Schauen aller Filme plötzlich ermöglicht, womöglich in der Zukunft sogar noch in HD? Dann kann ich mich entscheiden, ob ich einen Film für das Geld kaufe, oder alle Filme für den Preis jederzeit und als Flatrate streamen kann, legal. Wenn es um Geld geht, da hört der Spaß bei einigen auf und vielleicht sind die klassischen Sammler hier nicht in der Überzahl. Vielen ist es einfach egal, wenn sie eines Tages ihren Lieblingsfilm nicht mehr schauen können, wenn der Dienst mal pleite geht oder ähnliches, denn für die meisten ist Filme schauen oder Musik hören eine Gestaltung von Freizeit und Vorbeugung von Langeweile.

Und genau da darf der klassische Sammler jetzt ansetzen. Wie lange noch, bis die Masse und die neuen Geschäftsmodelle die Überhand übernehmen? Sitzt man in 10 Jahren auf seinen DVDs und Blu-Rays wie auf der Kiste voller Scart-Stecker, die man heute nicht mehr braucht? Oder wird es immer ein harmonisches Gleichgewicht geben, zwischen den klassischen Medien und den digitalen Streaming und Online-Diensten? Netflix & Co setzen sich in den USA auch immer mehr durch und vielleicht sind die bald auch schon erfolgreicher als klassische DVD Verkäufe. Es hat definitiv begonnen...

Piet

...zum Abschluss

Ob man es hofft, glaubt oder nicht - irgendwas wird sich ändern. Entweder man besinnt sich irgendwann zurück und rebelliert gegen die Industrie, oder wir gewöhnen uns alle an die neuen Modelle, oder es kommt sogar noch ein 3. Geschäftsmodell auf uns zu. Was ich vor Jahren noch nicht richtig glauben konnte, Cloud-Computing setzt sich mit Diensten wie "Dropbox", "iCloud" auch langsam durch - und ich mag das sogar inzwischen, obwohl ich da anfangs sehr skeptisch war.

Und wie ist es mit Euch? Freut Ihr Euch, oder schwimmt Ihr gegen den Stream?

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