Review

Gravity Rush

Entwickler: Sony Computer Entertainment | Genre: Action-Adventure | Plattform: PlayStation Vita

Darf ich die Bekanntschaft machen? „Gravity Rush“, das sind die Leser von CouchCastle.de, Leser von CouchCastle.de, das ist mein persönlicher Kaufgrund für die PlayStation Vita.  Es ist noch gar nicht so lange her, als ich die ersten Schnappschüsse sah und sofort verzückt war. Der hübsche Cel-Shading-Look hatte es mir gleich angetan, ebenso die interessante Idee, in einer mysteriösen offenen Welt die Gesetze der Erdanziehungskraft nach meinem Belieben zu manipulieren. Endlich konnte ich selbst durch die fliegende Stadt Hekseville gleiten und ihr Geheimnis lüften.

Märchenhafte Amnesie

Kat hat keinen blassen Schimmer, welch weiten Weg der Apfel auf sich nahm, um sie aufzuwecken und in Hekseville willkommen zu heißen. (Ein sehr schöner Opener!) Im Grunde weiß Kat gar nichts. Sie hat ihr Gedächtnis verloren und mit der Summe ihrer Erinnerungen auch das Wissen um ihre Identität. Wer ist sie? Wo befindet sie sich? Warum greifen die bösartigen Nevi die Menschen an? Wieso nennen die Stadtbewohner sie Gravi-Königin? Und was ist das für eine absonderliche Katze, deren funkelndes, schwarzes Fell dem Firmament gleicht und Kat unwissentlich die Macht über die Gravitation verleiht? Fragen über Fragen und leider keine Zeit über sie nachzudenken: Ein Kind ist in großer Gefahr und droht, mitsamt Behausung, in einen finsteren Strudel gesogen zu werden, der über Hekseville klafft.

Ein Klacks für Kat und mich, da sich die Gravitation beeindruckend intuitiv manipulieren lässt. Mit der rechten Schultertaste beginnt Kat zu schweben, bis sie mit einem weiteren Klick auf der rechten Schultertaste einem gewünschten Ziel entgegenfliegt oder mit der linkten Schultertaste zu Boden fällt. Eine tolle Idee, die sehr an die kesse Hexe Bayonetta erinnert, wenn man denn an den Fassaden der vielen Gebäuden längsläuft. Nur selten verliert man die Orientierung, zumal Kats Schal stets gegen Boden zeigt.

Auch die Kämpfe, die sich erfreulicherweise nicht in den Mittelpunkt stellen, gehen gut von der Hand, werden aber im Spielverlauf teils sehr fordernd, da manche Nevi sehr zähe Artgenossen sind. Jeder Gravitationskick muss sitzen, deren rasante Flugbahn sich prächtig durch die Bewegungssteuerung korrigieren lässt.

Der lineare Handlungsstrang

Nachdem Kat das Kind gerettet hat, ruft das erste von insgesamt vier begehbaren Stadtvierteln, die Altstadt, wo sie alsbald den jungen Polizisten Syd kennenlernt. Wegen ihrer Fertigkeiten bittet er sie um Hilfe, den heiligen Stein vor dem Meisterdieb Alias zu beschützen – der Anfang des roten Fadens, spannend und geheimnisvoll.

Mit drei Stilmitteln wird die Handlung von „Gravity Rush“ erzählt: Einfache Dialogfelder, ordentlich inszenierte Zwischensequenzen und die beeindruckenden Comics, durch die man sich per Touschscreen durchblättert. Werden die einzelnen Szenen per Bewegungssteuerung der Vita geschwenkt bzw. gekippt, entsteht, dank verschiedener Bildebenen, ein erstaunliches Tiefengefühl, ohne jede 3D-Technik.

Alles in allem ist die Geschichte motivierend, wenn auch stellenweise etwas naiv, so beispielsweise, als böse Monster Polizisten auf Dächer verfrachten, anstelle sie niederzustrecken. Halb so wild. Da aber die wenigen Nebenmissionen fest im Handlungsstrang verkettet sind und nicht optional in Angriff genommen werden, wird ein enormes Potenzial verschenkt. Mehr oder minder jagt der Spieler lediglich einer großen Schnitzeljagd hinterher. Von a nach b nach c…, streng linear dem Missionsziel hinterher. Schade, denn Genregrößen zeigten bereits mehrfach, dass toll gestaltete Nebenmissionen stundenlang begeistern können, bis man bei aller Handlungsfreiheit den roten Faden wieder aufgreift.

Bezaubernde Welt – offen und leer

Der Sci-Fi-Fantasy-Look im Cel-Shading-Stil ist eine Augenweide und könnte glatt den Buntstiften Miyazakis entsprungen sein und erinnert stellenweise gar an die Abenteuer des „Professor Layton“. Schön, dass sich die verschiedenen Stadtviertel, die es nach und nach aus dem mysteriösen Zeitstrudel zu retten gilt, optisch zudem noch stark unterscheiden und jeweils einmal mehr zum Stauen einladen. Toll! Die Welt von „Gravity Rush“ entpuppt sich als sehr fassettenreich, zumindest optisch.

Denn während sich die musikalische Untermalung des jeweiligen Stadtviertels trotz aller Klanggewalt mit der Zeit abnutzt, hinkt vor allem der interaktive Inhalt der Stadt der Optik weit hinterher. Zu schade, dass nur so wenige Bewohner etwas zu erzählen haben. Wie sie durch die Straßen ziehen oder untereinander tuscheln ist hübsch anzusehen, ebenso manche Tiere, auf die man so stößt.

Häuser sind keine begehbar, Händler sind ebenso wenig vertreten, genauso fehlen interessante Minispiele, die wie bei „Yakuza“ eine willkommene Abwechslung ins Gameplay bringen und für ein wenig Rollenspiel sorgen. Immerhin sind in ganz Hekseville lilafarbene Kristalle versteckt, mit denen sich diverse Fertigkeiten verbessern lassen und somit dahingehend motivieren, die Spielwelt zu erforschen. So wird man auch auf die eine oder andere defekte Apparatur stoßen, die sich mit eben denselben Kristallen reparieren läfft und eine der vielen Herausforderungsmissionen freischaltet. Zum einen weitere Kämpfe, zum anderen interessante Zeitrennen durch die Stadt. Highscore-Jäger werden hier mit zusätzlichen Kristallen belohnt.

Benny

Fazit

Was für eine bezaubernde Stadt! Auch die musikalische Untermalung versprüht ein wenig Ghibli-Flair. Und als sich die interessante Idee rund um die manipulierbare Erdanziehungskraft spielerisch als eingängig entpuppte, sind es die kaum vorhandenen Möglichkeiten, die Hekseville zu bieten vermag, die mich zunächst schlucken ließen. Was?! Kaum Gesprächsstoff mit den Mitbewohnern? Wo sind die vielen Nebenmissionen? Es gibt wirklich keinen einzigen Händler? Doch! Auf dem Marktplatz gibt es wahrlich hübsche Stände, bloß wollen diese mir nichts verkaufen… Schade. Die Enttäuschung musste ich verdauen und von meinen Erwartungen ablassen, um mich schließlich von den eigentlichen Stärken packen zu lassen: Das erfrischend neue Spielgefühl, welches sich beim Dahingleiten einstellt und der Charme der Handlung, die im Mittelpunkt von „Gravity Rush“ steht. Was bleibt, ist ein gutes Spiel, meine nicht erfüllten Erwartungen an ein Open-World-Titel kann ich leider nicht gänzlich vergessen – hier wäre definitiv mehr drin gewesen!

Wertung: 8.0

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