Review

Dragon's Dogma

Entwickler: Capcom | Plattformen: X-Box 360/PlayStation 3 | Genre: Rollenspiel | USK: ab 16

Ich blicke zurück, zurück auf den Anfang meiner langen Reise, die ich nach der katastrophalen Demo und den verhaltenen Wertungen der Fachpresse beinahe gar nicht angetreten hätte. Die Tage sind verstrichen, wie die Meilen unter meinen Sohlen verflogen sind, als der Drache mir das Herz nahm und mich meine Rachegefühle fern von meiner Heimat schickten. Nun sitze ich hier und kann entgegen allen Unkenrufen sagen, dass es sich wahrlich gelohnt hat!

Du bist nicht allein

Ein Hoch auf den Editor! Denn ich kann fürwahr behaupten, dass ich noch nie einen solch prächtigen Charakter gestalten durfte, wie jetzt bei „Dragon’s Dogma“. Nicht nur das Gesicht konnte ich ganz nach meinem Geschmack formen, sondern auch das Körperprofil meines Helden grundlegend definieren: Größe und Gewicht, Muskeln, Gangart (von sehr feminin bis zum harten Macho) und sogar die Körperhaltung sind nach Belieben zu bestimmen. Es gibt so viele Möglichkeiten, optische, die auch das Spielerische beeinflussen. Soll es ein Jüngling sein? Kein Problem! Ob alte Gewitterhexe, grazile Elfe oder wuchtiger Zwerg, man kann sich mit dem Editor Stunden beschäftigen. Und um die Qual der Wahl ein wenig zu lindern, hat man bei seinem festen Gefährten, dem Vasallen, selbige Freiheiten.

Die Vasallen sind den Menschen recht ähnlich, verfügen allerdings nur über einen beschränkten Willen, damit sie dem Erweckten bestmöglich dienen können. Und es sind vor allem auch die Vasallen, die „Dragon’s Dogma“ gehörig Leben einhauchen und über einen fehlenden Koop-Modus hinwegtäuschen - den ich persönlich bei einem Titel solchen Stundenausmaßes eh nicht vermisse. Per Internetverbindung lassen sich von Freunden oder Unbekannten bis zu zwei weitere Vasallen anheuern, die der Heldengruppe ihre Fertigkeiten leihen und die Lande des Herzogtums Gransys kommentieren. Man selbst stellt seinen eigenen Vasallen ebenfalls automatisch der breiten Öffentlichkeit zur Verfügung und wird mit zusätzlichen Erfahrungspunkten, Geschenken und Bewertungen belohnt, wenn dieser denn von anderen Erweckten auserkoren wird, was sich wiederum durch optischen Feinschliff gut beeinflussen lässt.

Das Vasallensystem ist originell und zugleich unheimlich motivierend, wenn der eigene Vasall entsprechendes Feedback von der Fangemeinde bekommt. Toll!

Die Welt der unbeschränkten Möglichkeiten?

Das Herzogtum Gransys ist ein kleines Open-World-Paradies. Mit einem Faible für das Winterliche habe ich zwar schneebedeckte Bergkuppen vermisst, die Vasallen erwähnen ja im fernen Norden bereits die kalte Luft und auch die Fläche hält nicht ganz mit der von Genregrößen wie „Red Dead Redemption“ mit, dafür aber wurde meine Entdeckerfreude derart befriedigt, wie schon seit „Demon’s Souls“ nicht mehr. Dichte Wälder, dunkel und geheimnisvoll; finstere Grotten, erhellt vom Schein meiner Öllaterne; alte Ruinen, die manche Schätze verbergen und imposante Festungsanlagen, die authentisch nachgebildet wurden – die Pfade von „Dragon’s Dogma“ sind stets abenteuerlich und trotz der nicht ganz so scharfen Texturen hübsch anzusehen. Einzig wahrer Wermutstropfen ist hingegen die eher unbelebte Zivilisation. Klar, man kann die heutige Bevölkerungsdichte nicht mit der des Mittelalters vergleichen, etwas mehr virtuelle Mitmenschen wären dennoch wünschenswert gewesen. Immerhin ist unter anderem der ausgefallene Besuch eines Friseurs möglich, um gegen Bares sein Äußerliches zu pflegen.

Weit mehr als in die Zivilisation ist dagegen das Herzblut der Entwickler in die Möglichkeiten geflossen, die Gransys bietet. Angefangen bei den schier zahllosen Materialien, von Kräutern bis zu den Überresten bezwungener Gegner,  die sich nicht ausschließlich plump aufgelesen lassen, sondern teilweise auch kreativ erbeutet werden müssen. So zum Beispiel mit einem gezielten Pfeil, der einen Apfel oder ein Vogelnest vom Baum herunterholt, oder Erze, die mit einer Spitzhacke aus dem Gestein geschlagen werden können. Als Belohnung für die Arbeit winken nützliche Utensilien, die sich aus verschiedenen Komponenten zusammenstellen lassen, oder Ausrüstungsgegenstände effektiv verbessern. Doch Vorsicht! Lebensmittel aller Art sind nicht bloß starre Objekte,  sie verderben mit der Zeit, regenerieren zwar weiterhin die Lebensenergie, bereiten dem Helden aber einen flauen Magen, was wiederum Lebenskraft kostet. Apropos Ausrüstungsgegenstände. „Dragon’s Dogma“ bietet viele Rüstungsteile, sehr schön, dass Rüstungen und Kleidungsstücke getrennt sind und mit gut designten Stücken den Sammelspaß in ähnliche Sphären hievt, wie es „Diablo“ gelingt.

Die glaubhafte Physik verleiht dem Spiel eine gewisse Realität. Der Held brennt? Kein Problem, eine Löschdecke wäre eine Lösung, der Sprung ins kalte Nasse eine andere, wenngleich die Beweglichkeit eingeschränkt wird, wenn man dabei zu stark durchnässt wird. Diverse Objekte und gar NPCs lassen sich greifen, nicht immer nützlich, sondern auch lustig.

Ein Tag- und Nachtwechsel darf natürlich ebenso wenig fehlen. Die Nächste sind stimmig, die umherstreifenden Gegner gefährlicher, aber ein i-Tüpfelchen wäre ein dynamisches Wetter gewesen - man stelle sich vor, wie es aus Eimern schüttet und Blitze über den Himmel zucken. Vielleicht bei der Fortsetzung oder per Erweiterung? Hoffentlich!

En Garde!

„Demon’s Souls“ hat gezeigt, wie tiefgründig ein Kampfsystem sein kann, weit ausgefeilter, als es bei westlichen Rollenspielen der Fall ist. „Dragon’s Dogma“ und „Demon’s Souls“ sind zwar in dem Punkt grundverschieden, doch auf ähnlich hohem Niveau. Aus drei Grundklassen (Kämpfer, Streicher, Magier) lassen sich sechs weitere (u.a. Assassine oder Waldläufer) freischalten, die allesamt diverse Spezialfertigkeiten parat halten und gänzlich verschiedene Spielstile erlauben. Das schöne dabei ist, dass sich sogar manche Fertigkeiten klassenübergreifend kombinieren lassen. Nur wer die Fertigkeiten sinnvoll nutzt, wird in der Welt von  Capcoms Epos bestehen, zu groß sind die Gefahren die dort draußen lauern.

Verschiedene Monsterarten gibt es im Grunde nicht viele, wenn man denn Variationen wie Wölfe, Schattenwölfe oder Höllenhunde ausschließt. Im Gegenzug sind sie clever umgesetzt, verfügen teilweise über dieselben Fertigkeiten, die der Spieler im Laufe des Spiels mit Erfahrungspunkten freischalten kann und haben allesamt ihre ganz eigene Schwachstelle, die sich allzu gern aufs Korn nehmen lässt. Besonders spektakulär sind die Bosskämpfe, mächtige Kreaturen wie die Chimäre, die sich wie bei „Shadow of the Colossus“ erklimmen lassen. Im Gegenzug zur Vorlage ist dieses Element erfreulich kurzweilig ausgefallen, um den Spielfluss nicht zu stören.

Held der k(l)einen Worte

Auch wenn die Handlung hier und da Entscheidungen abverlangt und mit tollen Zwischensequenzen aufwartet, wird sie insgesamt sehr zurückhaltend erzählt. Dieser Eindruck wird nochmals vom schweigsamen Protagonisten unterstrichen, der neben vereinzeltem Stöhnen und Ächzen keine einzige Silbe verliert, mit seiner Mimik aber immerhin mehr ausdrückt, als Link es jemals vermochte. Schwamm drüber! Denn während das tolle Spielgefühl der offenen Welt ohnehin im Mittelpunkt steht und der rote Faden trotz zahlreicher Nebenmissionen nicht abzureißen droht, ist es der grandiose Abschluss, der mit unerwarteter Leichtigkeit alle inhaltlichen Defizite hinwegfegte und mich sprachlos dreinblicken lies. Wow! Diese philosophische Kraft ist japantypisch, kam unerwartet, hat reingehauen und verwies mit einem Mal Rollenspielhighlights à la „Dragons Age“ oder „Skyrim“ auf die billigen Plätze der Belanglosigkeit. Ganz großes Kino, das Ende von „Dragon’s Dogma“ ist nicht nur filmreif, es gehört zu den besten der Videospielgeschichte und allein schon seinetwegen sollte Capcoms Epos bis zum Abspann erlebt werden.
Benny

Fazit

Was für ein Abenteuer! Schon lange fiel es mir nicht so schwer, mich von der Konsole zu lösen – immer wieder wollte ich nur kurz in die Hauptstadt zurückkehren, um neue Fertigkeiten zu erlernen, um schnell meine Beute zu verticken, die meine Beweglichkeit einschränkte oder um meine Ausrüstung zu verbessern. Klar, die Handlung könnte im Spielverlauf dichter sein, aber ich habe mich dort draußen in der Wildnis derart im Spielspaß verlaufen und die vielen Nebenmissionen genossen, das ich über diesen Punkt getrost hinwegsehen kann. Zumal auch der rote Faden hier und da ein paar Höhepunkte parat hält und mich das grandiose Ende schweigend Beifall klatschen ließ. „Dragon’s Dogma“ ist ein Open-World-Meisterwerk, das sich vor Genregrößen keineswegs verstecken braucht!

Wertung: 9.3

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