Kolumne

Warum mich Diablo erneut gepackt hat.

Christians Kommentar

Hack&Slay Spiele gab es vor Diablo, und es gab sie nach Diablo. Für die jüngeren Leser: Diablo ist kein Torchlight-Klon. Kaum eine andere Serie wie Diablo vermochte so viele Spieler zu begeistern und gleich scharenweise ins Battle.net zu locken. Bis zuletzt wurde eifrig in den regelmäßig zurückgesetzen Diablo 2 Ladders um Ruhm und Anerkennung gekämpft, 2010 veröffentlichte Blizzard nochmal einen Balancing-Patch. Hat nun Diablo 3 das Potenzial alte Fans und mögliche Neueinsteiger gleichermaßen zu begeistern?

Willkommen zu Hause

Was mir buchstäblich vom ersten Klick in der Charakter-Auswahl über die ersten Schritte in Neu-Tristram bis hin zur Tastenbelegung für Inventar, Questlog und Übersichtskarte auffällt: Ich fühle mich sofort zu Hause. Die Klänge der Hintergrundmusik und die ersten Soundeffekte geben mir das gute Gefühl, dass ich mich hier bereits bestens auskenne. Und obendrein geht alles wie gewohnt flüssig von der Hand. Die Mischung aus Gegnerwellen, Loot-Sammeln, Wertevergleichen und Dialogen ist perfekt aufeinander abgestimmt und versetzt mich in einen wohltuenden Spielfluss. Daneben entdecke ich auch neue Features, wie den Schmied und den Juwelier, die nach goldfinanzierten Stufenaufstiegen neue Gegenstände für mich produzieren. Die Rohstoffe für dieses Crafting-System liefern magische Gegenstände, die zu diesem Zweck zerstört werden. Mein Eindruck: Ein guter und motivierender Ersatz für den Horadrim-Würfel. Auch nach dem ersten Durchspielen gibt es hier noch neue Stufen und Rezepte zu entdecken. Beutetruhe und Handwerksstufen werden übrigens über alle Charaktere geteilt und müssen nicht erneut freigespielt werden, wenn man eine andere der fünf Klassen spielt.

Wo wir bei den Klassen sind: Für Diablo revolutionär ist die Tatsache, dass jede der verfügbaren Klassen nun sowohl in einer männlichen oder einer weiblichen Rolle gespielt werden können. BarbarIn, DämonenjägerIn, HexendoktorIn, Mönch (nein, sie heißt in Diablo nicht Nonne) und Zauberer bzw. Zauberin spielen sich angenehm abwechslungsreich und unterschiedlich, so daß sie sich im kooperativen Multiplayer-Spiel gut ergänzen.

Die ohnehin schon für Blizzard typisch hochwertigen Render-Sequenzen werden in Diablo 3 nochmals getoppt. Wunderschön anzusehen, perfekt synchronisiert und bombastisch inszeniert, vervollständigen sie die Geschichte vor, zwischen und nach den vier Akten, die ansonsten durch Ingame-Sequenzen und Dialoge vorangetrieben wird. Diablo hat eine Story? Ja. Sie handelt von Gut und Böse, von der Menschheit und den Engeln, die im Himmel über uns Wachen und zur Abwechslung mal keine federbeflügelten Kindchen sind, sondern übermächtige Kämpfer und Krieger der Gerechtigkeit. Allerdings sind sie nicht vollkommen, auch sie weisen ganz menschliche Schwächen auf. Und letztlich brauchen sie unsere Hilfe im Kampf gegen das oberste Übel.

Mein persönliches Highlight an Diablo war seit jeher der kooperative Mehrspieler-Part. Ob mit Freunden oder Unbekannten: Man schnetzelt sich gemeinsam durch die Monster-Horden. Was sich seit 1990 nicht geändert hat: Es können maximal vier Kämpfer zusammen durch die Dungeons streifen. Das ist auch gut so, denn schon bei vier Spielern mit jeweils beschworenen Kreaturen sowie dutzenden Gegnern auf dem Bildschirm kann man schonmal den Überblick verlieren. Konzeptionell neu am Multiplayer ist die Tatsache, dass jeder Spieler seine individuelle Beute erhält. Während es bei den Vorgängern schonmal äußerst ärgerlich war, wenn ein unbekannter Mitspieler alle seltenen Gegenstände eines Boss-Gegners weggeschnappt hat, ist dieses Verhalten bei Diablo 3 nicht mehr möglich.

Abgerundet wird mein positiver Gesamteindruck durch sich häufig ändernde Hintergründe und Landschaften, die allesamt zwar nicht das technische Maximum der aktuellen PC/Mac-Generation abrufen, aber durchweg hübsch anzusehen sind und mit vielen kleinen Details aufwarten. Es macht einfach Spaß, Sanktuario neu zu entdecken.

Kein blinder Fanboyismus

Nicht alle Änderungen, mit denen Diablo 3 daherkommt, stimmen mich positiv oder machen mich glücklich. Neben des geweckten Sammeltriebes war es auch stets ein Anreiz, den Charakter in eine bestimmte Richtung zu entwickeln. Setze ich beim nächsten Stufenaufstieg alle 5 Punkte auf Geschicklichkeit, um endlich den magischen Langbogen tragen zu können? Welche Fertigkeit soll ich steigern, um irgendwann den ultimativen Zauber zu bekommen? Was, wenn ich mich verskille? Dann war die ganze Arbeit umsonst? Diese und ähnliche Fragen stellen sich bei Diablo 3 nicht mehr, was in der Tat schade ist, denn wild klicken, kann ja jeder. Falsche Skills oder Attribute erhöhen? Gibt es nicht mehr. Attribute verbessern sich mit jedem Level-Up von ganz alleine, und meine maximal 6 aktiven Angriffsmoves und Fähigkeiten sowie bis zu 3 passive Eigenschaften kann ich nach belieben hin- und herwechseln, bis sich mein Charakter so spielt, wie es mir am besten liegt. Freigeschaltet werden alle Fähigkeiten und zugehörigen Slots nach einem levelabhängigen und fest vorgegebenem Pfad.

Ein hitzig diskutierter Punkt ist der Online-Zwang. Das Phänomen ist nicht neu und betrifft die großen Publisher gleichermaßen. Immer öfter will man uns zwingen, online mit den Servern des Publishers verbunden zu sein. Aus meiner persönlichen Sicht ist der Vorwurf an Diablo 3 aber etwas fehl am Platz. Diablo ist und bleibt für mich ein Multiplayer-Spiel, das man kooperativ absolviert. Schon Diablo 2 haben wir damals auf LAN-Parties im geschlossenen Battle.net gespielt. Worin liegt der Reiz, sich einen Über-Charakter mit bester Ausrüstung in einem externen Editor zusammenzuklicken? Dass mit Diablo 3 nun aber auch die Solo-Spieler gezwungen sind, online zu spielen, ist in der Tat unglücklich gelöst. Konsequenterweise hätte man aber Offline-Spieler wegen der Cheat-Gefahr von den Auktionshäusern ausschließen müssen.

Kritisch stehe ich auch dem Echtgeld-Auktionshaus gegenüber, wenngleich sich ein abschließendes Urteil wohl erst gegen Ende des Jahres fällen lässt. Aufgrund technischer Schwierigkeiten wird der Teil des Auktionshauses, in dem mit echten Euros bezahlt wird, erst Ende Mai an den Start gehen. Das bisherige Ingame-Gold-Auktionshaus wird wohl weitestgehend als Lagerplatz missbraucht. Während die Ablageplätze in der Beutetruhe zu Beginn arg limitiert sind, dürfen im Auktionshaus bis zu 50 Items, die nicht verkauft wurden, liegen bleiben. Da wundert es nicht, dass massenhaft Schrott-Items zu utopischen Millionenbeträgen das Auktionshaus zuspammen. Spätestens mit Einführung des PVP-Modus (erwartet für Ende das Jahres) wird das Echtgeld-Auktionshaus aufblühen. Schon eBay und Konsorten haben gezeigt, dass es genügend "Spieler" gibt, die bereit sind, sich einen Vorteil mit Geld zu erkaufen.

Christian

World of Warcraft nur Zwischenkost?

Blizzard unterbreitete seinen WoW-Abonnenten ein unmoralisches Angebot: Verlängere Dein WoW-Abo um ein Jahr und erhalte Diablo 3 kostenlos dazu. Ein Fehler? Oder eine Absicherung, um die Abonnentenzahlen nicht zu sehr einbrechen zu lassen? Nach meinem ersten Durchgang von Diablo 3 fiel es mir wie Schuppen von den Augen: WoW war nur eine Ersatzdroge für die Übergangszeit, in der Diablo 2 einfach zu angestaubt und Diablo 3 noch nicht angekündigt bzw. später dann noch in Entwicklung war. So, und nun muss ich Diablo 3 nochmal auf Alptraum durchsüchteln...

Kein Diablo-Fan? Lest dann doch Benny's Gegenentwurf: 
Diablo 3? Ist doch Schnee von gestern!

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