Review

Children Who Chase Lost Voices

Originaltitel: Hoshi wo ou Kodomo | Genre: Fantasy, Drama | entwickelt von CoMix Wave Fims

Der Name Makoto Shinkai dürfte einigen Lesern schon ein Begriff sein. Hinter ihm steckt das 1-Mann-Kraftwerk, das den 25-Minüter "Voices of a distant star" fast komplett im Alleingang erschaffen hat. Einige nennen ihn sogar "den neuen Miyazaki". Wieso das so ist wurde mir Samstag im Kino des Japan Filmfest Hamburg immer mehr bewusst.

Eröffnet wird der fast zweistündige Film mit idyllischen Bildern der japanischen Berglandschaft in der Nähe eines kleinen Dorfes. Wir beobachten, wie unsere lebendige Protagonistin Asuna ihren Weg zur Spitze macht. Mal von ihrer Position als Klassensprecherin abgesehen, verbringt sie ihre Zeit zu gerne auf dem großen Felsen, versunken in den geheimnisvollen Klängen einer Melodie, die sie mit ihrem Amateurradio empfängt. Nach dieser Einführung gewinnt der Film an Fahrt als in der Schule vor einem großen, bärenartigen Tier gewarnt wird. Entgegen der Warnungen begibt sich Asuna trotzdem wieder zum Berg, nur, um mitten auf der Eisenbahnbrücke von dem unbekannten Tier angegriffen zu werden. Nach der Rettung durch einen Jungen, in den sie sich auch noch schlagartig verliebt, verschwindet dieser eines Nachts und wird tags darauf tot aufgefunden. Eine Geheimorganisation, die die Quelle der magischen Kräfte des Jungen sucht und dessen Bruder, treten auf den Plan. Schnell befindet sich Asuna in einem Wettlauf zur "Agartha" genannten Unterwelt, welche das Geheimnis zu Leben und Tod hüten soll.

Wer Hayao Miyazakis "Das Schloss im Himmel" kennt, dem könnten hier schon bestimmte Parallelen aufgefallen sein – bloß, dass diesmal kein Mädchen vom Himmel fällt, sondern ein Junge aus den Tiefen der Erde aufsteigt. Auch sonst gibt es einige andere Ähnlichkeiten, welche man aber problemlos als Inspiration oder Tribut an den Ghibli-Klassiker sehen kann, denn Shinkai erzählt dann doch mit ganz anderen Schwerpunkten. Während Miyazaki einen entspannten und fast durchweg heiteren Abenteuerfilm inszeniert hat, werden Asuna und ihre Begleiter immer wieder und zusehends eindringlicher von philosophischen Fragen bezüglich der Sterblichkeit umgetrieben. Passend zu diesem harten Thema fällt auch der Gewaltgrad auf. Children Who Chase Lost Voices ist bei weitem kein brutaler Actionstreifen, scheut aber (trotz FSK ab 12) nicht davor mit Blut zu schockieren. Dies unterstreicht den Ernst des Themas.

Die Bilder zu Anfang des Films halten ihr Versprechen, dass man durchweg künstlerisch Hochwertiges vorgesetzt bekommen wird. Egal ob Japan, oberhalb der Erde oder Agartha unterhalb, beide Orte strotzen nur so vor Charme und Lebendigkeit. Details und Beleuchtung erzeugen den Eindruck, dass die Umgebung bewohnt wird. Das kann man unter Anderem an der Einrichtung und Konstruktion von Asunas Elternhaus mit aufteilbarem Wohnzimmer erkennen oder auch den Bungalows der Unterwelt, die anstatt einer Küchenzeile mit Kochstellen auskommen. Wo wir gerade von Küchen reden: Dies ist wieder einer der Animes, die das Essen derart zelebrieren, dass man durchaus Appetit bekommen kann.

Musikalisch wird den Ohren auch durchgehend Angenehmes geboten, wobei ich mich nicht dem Eindruck erwehren konnte, dass richtige Abwechslung ausblieb. Klar, die Musik war passend zu Drama, wie auch Entspannung aber leider ohne echte Höhepunkte. Gleichzeitig hat das Titellied "Hello Goodbye and Hello" Ohrwurmcharakter und trifft gleich den schönen, wenn auch melancholischen Nerv des Films.

Trailer

Übrigens, wer in Hannover oder Umgebung wohnt, kann sich schonmal die Woche vom 02.-09.Juli vormerken. In der wird Shinkai Europa besuchen und unter Anderem auf der Premiere des Films in Hannover sein. Quelle: Kazé.

Bene

Fazit:

Mit "Children Who Chase Lost Voices" kann man wenig falsch machen. Wer einen wirklich schön und fantasievoll gemachten Film um ein Thema, welches uns alle angeht, sehen möchte, ist hier sehr gut beraten. Ich finde, dass man die Handlung ruhig hätte etwas raffen können, aber das ist nur eine Geschmacksfrage. Für Andere mag das Erzähltempo, welches der Bilderfülle Platz bietet, genau das Richtige sein. Es freut mich auch zu sehen, dass ein junger Regisseur gleichzeitig seinen Einflüssen huldigen kann und es immernoch schafft, eine ganz eigene Geschichte zu erzählen. Ich wünsche Makoto Shinkai ordentlich Erfolg, hier hat man einen Kandidaten zur Erhaltung des lebendigen Anime-Kinos.

Wertung 9.0

Alle Rechte vorbehalten.
Die Copyrights von Ton- und Bildmaterial liegen bei den jeweiligen Verleihern, Verlagen, Labels, Studios und Künstlern.