Review

Botanicula

System: PC | Genre: Point-and-Click-Adventure | Freigabe: ab 6 Jahren

Die Unendlichkeit des Firmaments steht still, blickt auf die Spitzen des Heimatbaums vieler Wesen herab und spendet etwas Licht – ebenso die winzigen Glühwürmchen, die um die Baumkrone tänzeln und mit den gemächlichen Nebelschwaden ein wenig Bewegung in dieses Stillleben bringen. Kurzum, es ist eine herrliche Nacht. Doch die zauberhafte Stimmung trügt, denn der prächtige Baum liegt im Sterben. Spinnenartige Parasiten haben ihn befallen und nun liegt die Hoffnung des Baumes in einem einzigen Samen, der auf seiner Flucht auf den Kopf der kleinen Physalis-Laterne fällt und ihm seine Bestimmung offenbart: Gemeinsam mit seinen Freunden soll er den Samen pflanzen!

Fünf Freunde gehen auf die Reise. Juchu!

Schnell rappelt sich die Physalis-Laterne auf und ruft nach ihren Freunden, die ihrem Kameraden auch schnell aus allen Ecken herbei eilen: Ein Pilz, eine Mohnkapsel, ein Zweig und ein Federsamen bilden mit der Physalis-Laterne eine botanische, wie charmante Heldengruppe, die ein liebenswertes Point-and-Click-Abenteuer antritt, das direkt in die Herzen des Spielers führt.

Aber halt! Sogar ein sechster Freund schließt sich den lustigen Kerlchen an: Ich! Denn ich habe dieses schräge Quintett schon nach wenigen Klicks liebgewonnen, habe mich mit ihnen gefreut, wenn sie ihre Erfolge mit einem euphorischen „Juchu“ feiern und ein Lächeln auf meine Lippen zaubern. Bemerkenswert, dass solch skurrile Fantasiewesen so lebendig wirken - ihre Seelen haben sie definitiv durch ihre humorvolle Individualität eingehaucht bekommen, die sie neben ihren tollpatschigen Fehltritten beim Lösen mancher Rätsel unter Beweis stellen. Und auch die elementarste Frage, die ich mir schon immer stellte, beantwortet „Botanicula“: Was wünscht sich zum Beispiel ein Pilz mehr als alles andere, wenn er auf einen Dschinni trifft? Und dies wäre nur eines der vielen goldigen Momente, die im Gedächtnis bleiben.

Die putzigen Charaktere sind eine der großen Stärken von „Botanicula“, das trifft nicht nur auf die urkomische Clique zu, nein, denn die Gruppe trifft auch auf zahlreiche sympathische Nachbarn, die, ohne ein einziges Wort zu sagen, ihre eigenen Geschichten bilderhaft in Sprechblasen erzählen.

Eine fabelhafte Fantasiewelt

Der urige Patchwork-Stil, denn die Weiten des Baumes und die vielen Figuren sind mit Fotos und handgemalten Bildern zusammengeschustert, lädt jederzeit zum Schwelgen ein und lässt die parasitäre Bedrohung immer wieder vergessen. Dennoch dürfte die Optik in die Rubrik Geschmackssache fallen. Der eine könnte sie kindisch finden und vom Schein betrogen werden, dass man sie mit wenig Arbeit nachahmen könnte, der andere wird wie ich ins Schwärmen geraten – was vor allem daran liegt, dass die verschiedenen Gebiete voll kreativer Ideen und Interaktionen stecken, die nicht zwingend eine tiefere Bedeutung haben. Es gibt abseits des roten Knobelfadens vieles zu entdecken. Schön!

Die Atmosphäre von „Botanicula“ ist einzigartig, was nicht zuletzt an der sehr eigenwilligen Soundkulisse liegt.  Die musikalische Untermalung ist mit ihrer teils schrulligen Art stets sehr passend. Für den reinen Musikgenuss, abseits des Spiels, nur liedweise zu empfehlen. Und dass die vielen Geräusche nur mit dem Mund erzeugt wurden, verleiht dem Spiel sowieso seinen ganz eigenen Charme.

Einfache Rätselkost: Teils traditionell, mit einer Prise Minispiel garniert

Der klassische Point-and-Click-Spieler wird wohl oder übel auf seine gewünschten „nehme“-, „drück“- oder „benutze“-Buttons verzichten müssen. Zwar müssen auch hier Gegenstände gefunden und an entsprechender Stelle benutzt werden, viel mehr steht aber die Berührung mit der Umwelt im Vordergrund, was nicht selten in simples Ausprobieren ausartet, den Spieler dadurch aber immer wieder im Positiven überrascht. Mehrere Minispiele lockern das Gameplay ebenfalls auf, so unter anderem eine Variante des „heißen Drahts“, bei dem ein Objekt unter Zeitdruck aus einem verschachtelten Labyrinth herausbuchsiert werden muss, während ein Wurm dies zu verhindern versucht. Spaß machen die Minispiele allemal, aber etwas mehr klassische Rätselkost hätte auch ich mir gewünscht – mein einziger Kritikpunkt, aber niemand ist perfekt. Ach ja, und dass das Spiel nur etwa 3-4 Stunden dauert, ist angesichts des geringen Preises zu verschmerzen, zumal in der Kürze die Würze steckt und „Botanicula“ mit diversen Überraschungen am Ende des Spiels aufwartet, die man garantiert nicht beim ersten Zug entdeckt und zum erneuten Spielen anregen.

Trailer

Benny

Fazit

Laut Sprichwort muss ein Mann drei Dinge in seinem Leben vollbringen: Ein Haus bauen, einen Sohn zeugen und einen Baum pflanzen. Letzteres habe ich virtuell getan und ich kann Euch nur empfehlen, es mir gleichzutun. Selten habe ich ein solch schönes Spiel gespielt, das ganz unverhofft den Weg auf meinen PC fand – dem Indie Humble Bundle sei Dank.  Immer wieder ist die Euphorie der tapferen Kleinen auf mich übergesprungen, da vergesse ich auch gerne den Mangel an klassischer Rätselkost. Ich hatte eh genug Spielspaß mit der interaktiven Umwelt und den abwechslungsreichen Minispielen und im Übrigen ist es ja nicht so, als würde gar nicht geknobelt werden…

Wertung: 8.5

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