Kolumne

Der Beginn eines neuen Baldur's Gate Hype?

Rückblick auf ein großartiges RPG

Fantastisch! Was durfte ich die Tage im Netz lesen? Beamdog, bzw. das Team von Overhaul Games (welches aus ehemaligen Bioware-Mitgliedern besteht) hat sich der Aufgabe gewidmet, uns Spielern die beiden RPG-Klassiker Baldur's Gate und Baldur's Gate 2 - Schatten von Amn samt Erweiterungen in aufgebohrter Form als "Baldur's Gate - Enhanced Edtion" (in zwei Teile aufgeteilt) auf den PC, Mac und auf das iPad zu bringen. Da lacht das Herz natürlich! Immerhin haben mich diese Spiele Anfang des Jahrtausends davon abgehalten, meine Videospiel-Karriere an den Nagel zu hängen. Angesichts dieser schönen Neuigkeit erlaube ich mir kurz einen nostalgischen Rückblick und Ihr seid dazu eingeladen mir zu folgen.

Wie es mich damals auf die Reise zog...

Eigentlich hatte ich mich ja bereits vom Videospielen abgewendet... ich war gerade mal 15 oder 16 Jahre alt und mich interessierten meine Band, Skateboard fahren, "Mädels" kennenlernen. Nach der Schule war ich kaum zuhause und durchgehend unterwegs. Aber der Sonntag, der war mir heilig - denn da war mein Baldur's Gate-Tag. Früh aufstehen, Kaffee an der Hand, das Fenster weit aufgerissen, die Sonne schien ins Zimmer und noch im Pyjama wurde dann gleich der Rechner hochgefahren, um bis zum Sonnenuntergang in anderen Welten zu versinken. So ungefähr dürft Ihr Euch die Stimmung vorstellen... ein Ruhetag, ein warmer Sommer und meine Wenigkeit, total passiv vor dem Rechner sitzend und kaum ansprechbar. Und das Spiel verschlang mich wortwörtlich!

Baldur's Gate... was für Zeitfresser!

Der zweite Teil schaffte es, trotz eines ziemlich anstrengenden Einstiegs, tatsächlich dann noch eine Steigerung hinzulegen und zog mich ebenfalls in den Bann. Na gut, zumindest anhand der Technik und Möglichkeiten ist Teil 2 besser, gefühlt bleibt der Erstling aber mein Lieblingsteil. Und ich war nicht alleine... die Baldur's Gate-Reihe gilt noch heute, als eine der beliebtesten RPGs unter den Spielern da draußen.

Der Ursprung der Faszination

Ok, Ihr wisst nun was das Spiel mit mir angestellt hat - doch was genau haben die beiden Baldur's Gate Teile so herausragend gemacht?

Fangen wir mit der Story an: Sobald man das Anfangsgebiet verlässt und ein wenig etwas über sich und seinen Stiefvater erfahren hat, wird man plötzlich auf der Reise Opfer eines Überfalls und man steht unerwartet ganz alleine da. Mitten in der Natur, wo Gefahren auf einen warten und man nur minimale Mittel zur Selbstverteidigung hat. Plötzlich fängt die Suche nach Antworten an, fast schon wie ein Detektiv sucht man nach Hinweisen und arbeitet sich in die Sicherheit der Städte vor. Dabei entfaltet sich eine sehr clevere und umfangreiche Geschichte, plus dutzende an Nebenmissionen. Durch die vielen Dialoge als Scrolltexte und durch die entfernte Perspektive im Spiel, hat Baldur's Gate fast schon mehr was von Bücherlesen, anders als die heutigen RPGs, die uns eher wie Filme präsentiert werden. Das fordert mehr Vorstellungskraft, mehr Fantasie und macht schon einiges aus!

Sonderbare Weggefährten

Weil man es alleine so schwer hat, bekommt man als Spieler die Möglichkeit Partymitglieder in die Truppe aufzunehmen, welche es wirklich in sich haben. Man hat nicht nur über das gesamte Spiel eine große Auswahl an Mitstreitern, diese  fallen auch noch höchst unterschiedlich aus, was ihre Fähigkeiten, Herkunft, Motivation und natürlich die Gesinnung angeht. So bekommt die Reise nicht nur noch mehr Tiefe durch die Interaktion des Spielers mit seinen Begleitern, er muss auch auf eine harmonische Gruppenzusammenstellung achten, weil man sonst schon mal die Kontrolle verlieren kann und plötzlich bringen sich die Kameraden gegenseitig unter die Erde. Das Sterben schüchtert übrigens ebenso ein: In gewissen Situationen können einem die Mitstreiter für alle Ewigkeiten wegsterben... zwar kann man wohl jederzeit speichern, aber dafür muss man dann schon mal etliche Spielstunden aufgeben, um wieder an den Punkt zurückzukehren. Dadurch lernt man auch als Quick-Saver, sich irgendwann mal von gewissen Figuren zu verabschieden und neuen eine Chance zu geben. Insgesamt war die Kommunikation unter den NPCs damals eine Neuheit und genau das verleiht Baldur's Gate heute noch seinen ganz persönlichen Glanz, den nicht einmal Nachfolgewerke wie Never Winter Nights ganz erreichen.

Das Kampfsystem

Zwar hat man es hier wirklich nicht mit einem Hack n' Slay zu tun, aber lange Dungeon-Besuche und ausufernde taktische Kämpfe sind Teil des Spiels. Ähnlich wie beim Schachspielen, gilt es allerdings so geschickt wie möglich seine Züge zu planen. Dafür habt Ihr auch ewig Zeit, denn in Baldur's Gate gab es (womöglich) zum ersten Mal eine Pause-Funktion in einem Echtzeit-Kampfsystem, die ein gut überlegtes Eingreifen möglich machte und selbst bei größten Schlachten dazu verhalf, eine Übersicht zu behalten. Das System ist für mich heute noch absolut gelungen und schafft es im Gegensatz zu Dragon Age und Co, genau das richtige Tempo zu finden. Aufmerksame Spieler bekommen so gut wie jede Aktion mit (dank einer Textbox, die den Kampf protokolliert) und interagieren durch Micro-Management haarklein mit jedem Mitglied der Truppe. Der Schwierigkeitsgrad ist insgesamt auch relativ hoch und viele Hilfen, die man aus heutigen RPGs kennt, wird man dort wahrscheinlich vermissen. Gerade als Zauberer könnte es anfangs sehr frustrierend sein, mit nur vier Lebenspunkten und einem Stock und ein-zwei Zaubern am Tag in jeder Schlacht versteckt hinter einer Ecke zu lauern. (Aber die Belohnung würde groß sein!)

Welch detaillierte Welt!

Die Aufmachung hatte es mir damals auch schon so richtig angetan... eine riesige Welt, gefüllt mit vielen grafischen Details, dynamischer Musik, unzähligen Sounds und Beschreibungen ohne Ende. Der Umfang dieser Spiele-Reihe ist absolut überwältigend, aber niemals so, wie man es in Fallout 3 oder Skyrim kennt, wo man alle möglichen unnütze Gegenstände mitnehmen kann. Dennoch kann man sich mit beiden Teilen und ihren zusätzlichen Erweiterungen sicherlich 400 Stunden (eigene Schätzung) lang beschäftigen, wenn man es denn so intensiv haben möchte. Aber wie immer bei solchen Spielen muss man wirklich vorsichtig sein: Bugs können einem den Spaß vermiesen, selbst wenn man sorgfältig verschiedene Savegames erstellt, kann es immer noch passieren, dass man irgendwo hängen bleibt. Damals musste ich in Teil 2 zu Cheats greifen, um die Hauptgeschichte fortsetzen zu können. Aber insgesamt sind die Bugs dann doch sehr selten und kein Vergleich zu heutigen 3D-RPGs.

Ach apropos Musik, diese Eröffnung gehört zu den motivierensten Liedern, die ich kenne!

Der Hype kann kommen... warum sich die "Enhanced Edition" vielleicht lohnt:

Die Frage ist jetzt natürlich, wie weit das Spiel mit heutigen Standards noch mithalten kann? Die "Enhanced Edition" wird uns eine aufpolierte Engine auftischen, neue Inhalte hinzufügen, aber im Kern natürlich das gute alte Spiel bleiben. Erst im Sommer werden wir unsere Antworten haben, doch bis dahin habe ich mir Baldur's Gate auf meinen HTPC installiert und noch einmal rein geschnuppert. Witzigerweise erweist sich die Auflösung von 800x600 auf dem TV als überaus praktisch: Man kann entspannt im Sofa lümmeln und sich zurücklehnen, mit einer kabellosen Tastatur samt integriertem Touchpad und dennoch alles gut erkennen. Unter Windows 7 läuft das Programm auch noch überraschend gut (unter Linux leider nicht zufriedenstellend) und ich konnte innerhalb kurzer Zeit wieder bequem in Nostalgie eintauchen.

Überraschenderweise waren meine Befürchtungen unbegründet: Das Spiel läuft ohne nennenswerte Ladezeiten in einem guten Tempo ab und ist optisch recht gut gealtert. Der Mangel an 3D-Modellen erweist sich als vorteilhaft: Statt irgendwelchen matschigen Texturen erwarten den Spieler immer noch liebevoll gestaltete Hintergründe, und die Charaktere... ja, die fordern dank wenigen Details immer noch die Fantasie.

Vom Spieldesign her begegnet man altmodischen Elementen, wie manuellem Speichern, keine Lebensenergie, welche sich automatisch wieder auffüllt (außer bei einem bestimmten Zwerg), nicht komplett synchronisierte Dialogen und natürlich viel Micro-Management. D.h., das Verwalten von Items und Heilen von Mitstreitern wird komplett vom User einzeln abverlangt, auch wenn gewisse Scripte die NPCs mit einer Art Intelligenz ausstatten, die mir persönlich selten in den Kram passt. Die ganzen Punkte waren damals keine echten Kritikpunkte und sind es heute, wie ich finde, auch nicht wirklich. Vielleicht tut es uns Spielern auch einfach mal wieder gut, Vorsicht aufzubauen und auch mal wieder für etwas zu arbeiten.

Dennoch verspreche ich mir einiges von der Enhanced Edition: Die deutsche Synchronisation der Figuren ist nicht durchgehend gelungen (Dialekte und Akzente sind höchst fragwürdig in dem Universum) und natürlich gibt es da noch den Multiplayer-Modus: Heute spielen wir einfach anders... Achievements, Online-Chatten und ein kooperatives Zusammenspiel könnten den Spielen noch einmal ein frisches Gewand verleihen. Die Menüführung bedarf ebenso einer Überarbeitung, nicht nur beim iPad! Scrolltexte machen wenig Spaß, wenn man sein Mausrädchen nicht benutzen kann, und Baldur's Gate hat einige Scrolltexte!

Also, man darf durchaus gespannt, als Fan sogar schon gehyped sein! Immerhin haben die Macher 14 Monate dafür gekämpft, die Studios von Atari, BioWare und Wizards of the Coast, welche allesamt seit Jahren das Franchise nicht weiter verfolgt haben, davon zu überzeugen, dass da draußen immer noch genügend Spieler sind, die die Reihe lieben. Und wenn wir wirklich viele sind... wer weiß? Vielleicht bekommen wir sogar ein Baldur's Gate 3 zu sehen, an das womöglich niemand mehr geglaubt hat, damals aber laut Gerüchten schon zum Großteil existierte.

Ankündigung erstmal für Mac OSX und sogar für das iPad

Oft zieht man als Mac-Besitzer ja den Kürzeren bei Spielen. So musste man ja lange Zeit auf Titel wie diese verzichten, doch dank des Erfolges von Macbooks, iPads und iPhones bekommt Apple immer mehr Stellenwert. Als ich auf der Website erfuhr, dass Baldur's Gate als App für OSX auch noch erscheint, habe ich mich natürlich umso mehr gefreut. Und es scheint, als ob Cross-Plattform mit PClern und iPad-Spielern dann auch möglich sein wird (wie Gamezone berichtet).

Da das Spiel auch nicht sonderlich rechenintensiv sein wird, kann sich also eine große Gemeinde auf das "beliebteste Rollenspiel aller Zeiten" (wie es vom Hersteller heißt) freuen. Benny und ich zumindest tun es jetzt schon und sind gespannt, was daraus wird!

Piet

Fakten

  • Neue Features: Aufgebohrte Engine, höhere Auflösung, Online-Multiplayer, angepasste Oberfläche, iCloud-Unterstützung, neue Inhalte
  • Unterstützte Plattformen: PC, Mac OSX, iPad
  • Erscheinungsdatum: Sommer 2012

Offizielle Website: www.baldursgate.com/

Quellen: Bilder und Infos aus der offiziellen Website, gamestar.de, giga.de, gamezone.de

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