Musiktipp

Nicht nur was für Gamer-Ohren: Chiptunes!

Ein Blick auf ungewöhnliche Musik

Wer kennt das nicht? Auf dem Endspurt zum Erwachsenwerden, wo man anfängt, das ansonsten immer freundliche und ansehnliche Kinderzimmer mit lumpigen Postern aus Teenie-Zeitschriften zu verunstalten oder der Kleiderschrank plötzlich um total unsinnige Accessoires erweitert wird... Die Pubertät stellt schon komische Dinge mit uns an. Obwohl die Gene und die Erziehung ganz offensichtlich darauf hinweisen, wo man her kommt, tut man so einiges um sich von den Eltern abzusetzen. Man möchte nun ganz offiziell ein Individuum werden und die Selbstfindungsphase nimmt die höchste Priorität ein. Eine immer wieder beliebte Methode sich abzugrenzen taucht dabei in vermutlich jeder Generation auf: Die Musik.

Vor Ewigkeiten führte noch recht harmloser Rock'n'Roll zu besorgten Eltern, danach musste es schon wilder werden und plötzlich entstanden immer unkonventionellere Musik-Richtungen: Metal, elektronische Musik, Gothic, Hip-Hop... Was knallte da nicht alles durch die Jugendzimmer. Jede Generation findet so ihre neuen, noch abstruseren Sorten, wie man auch jetzt gut erkennen kann: Metalcore, Japanischer schriller Punk, Dubstep (oder auch "Das Sterben der Roboter"), asozialer Straßen-Rap und und und... So langsam wird man selber alt und kann sich schon gut denken, dass da bald die ersten Musik-Richtungen auftauchen werden, mit denen wir nichts mehr anfangen werden können.

Genug der Einleitung: Eine mir persönlich sehr wichtige Musikrichtung möchte ich heute hier erwähnen, weil es sie womöglich nicht ewig geben wird. Sie ist ein absolutes Nischenprodukt und es ist kaum zu glauben, wie weit sie es dennoch bisher geschafft hat. Wer hätte denn damals in den 80ern mal gedacht, dass das Gedudel aus dem GameBoy mal eines Tages Herzen vor Nostalgie höher schlagen lassen würde, während man dabei auf einer Tanzfläche voller Nerds feiert? Ja, lieber Leser, es geht um die Chiptunes. Eine Musikrichtung, welche sich bis heute hartnäckig weigert, dem Fortschritt nachzugeben und welche sich knallhart an fast schon ungnädigen Einschränkungen festklammert. Definitiv einen Blick wert, und das nicht nur für Videospiel-Liebhaber (möchte ich zumindest hoffen!).

Oh Commodore mio...

Was genau sind eigentlich Chiptunes? Wer die Anfangszeit der Videospiele noch miterlebt hat, wird sich mit Sicherheit noch erinnern: Irgendwann kamen nach Klassikern wie PONG die ersten Spiele, welche dank immer besser werdenen Soundchips nun nicht nur etwas detailliertere Geräusche wiedergeben konnten, nein, es kamen sogar endlich mal Spiele mit Musik heraus. Zumindest erinnerte es an Musik... Sehr hartnäckiges Gedudel, welches man im ersten Augenblick vielleicht nicht einmal wirklich hinterfragt und wahrscheinlich sogar ignoriert hat. Viele dieser Lieder sind mühselig entstanden, mussten doch tatsächlich mit Programmcode komponiert werden und boten kaum Sound-Bibliotheken geschweige denn viele Spuren. Auf engstem Raum wurden Komponisten, welche normalerweise den Gebrauch von echten Instrumenten mit ihrer ganzen Vielfalt kannten, dazu genötigt einigermaßen brauchbare Lieder herauszuholen. Es mussten nach und nach erst die talentierten Musiker ran, um uns die ersten Ohrwürmer zu bescheren... Sei es die Musik in "Giana Sisters", der erste Song in "Super Mario Bros." oder aber auch einfach nur das gute alte Tetris, welches noch heute seinen Weg auf elektronische Tanzabende findet.

Der geneigte Spieler, der schon seit Jahrzehnten dabei ist, wird wohl mit wenig Übung sogar die einzelnen Chips unterscheiden können. Denn jede Konsole hatte ihre eigene Stimme! Ob der C64, das gute alte NES, der GameBoy-Sound oder lassen wir es sogar das SNES sein. Viele Menschen lieben diese Lieder... oder sagen wir die Erinnerungen, die alte Spiele bei uns wecken. Sie ziehen uns in Sekunden wieder in die 80er oder auch 90er... Das Gefühl, im Pyjama auf dem Teppichboden zu sitzen, Samstag morgens um 6, wenn die Eltern noch schlafen... und ganz leise auf der Konsole zu spielen. Wenn ich daran denke, wie viele Stunden ich zum Soundtrack von "Secret of Mana" kleine niedliche Monster erschlagen habe. Oder die legendären Soundtracks von Mega Man, die einen über jeden, nicht seltenen, Tod getröstet haben... Es gäbe jetzt unzählige Beispiele!

Nicht anders kann ich es mir erklären, weshalb Webseiten wie ocremixes.org so populär geworden sind. Dort werden die Songs der klassischen Videospiele nämlich von sämtlichen Usern neu und modern als Remixe verpackt. Andere wiederum versuchen nur die originalen Lieder mit neuen Instrumenten zu interpretieren und sie für eine größere Gruppe an Hörern zugänglich zu machen. Doch auch hier bei den Spiele-Soundtracks finden sich die Puristen: Einige sehnen sich nach dem authentischen Sound - nur die Originale bescheren uns das ultimative Gefühl aus der Vergangenheit. Und nur im letzteren Fall kann man eigentlich erst von echten Chiptunes sprechen, denn anders als beim Bitpop und ähnlichem, legen einige Musiker und Fans sehr viel wert auf unverfälschten Sound. Klingeltöne und Techno gehören somit nicht in diese Sparte, auch wenn sie ebenso rein elektronisch erzeugt werden.

Alles Chiptunes was piept?

Es gibt also Unterschiede: Demnach gibt es Chiptunes, welche entweder originale Spiele-Soundtracks oder sogar selbst komponierte Lieder sind und Bitpop, wo die Sounds aus der 4-, 8- oder 16-Bit Ära mit Gesang und neuen Instrumenten vermischt werden. Gruppen wie Machinae Supremacy oder Game Over möchten sich selbst noch einmal durch sogenannten SiD Metal, bzw. Nintendo Metal abheben. Und dann stößt man noch auf weitere Variationen wie HORSE the Band, welche anscheinend die Musik-Richtung "Nintendocore" ins Leben gerufen hat (an dieser Stelle eine volle Empfehlung an die, die es gerne auch härter mögen). Das C64 fand im Übrigen auch schon in der deutschen Band Welle Erdball seinen Einsatz.

Aber konzentrieren wir uns auf die Puristen: Tatsächlich setzen sich noch heute technisch affine Musiker mit den alten Spielekonsolen auseinander und konstruieren sich z.B. aus ihrem alten GameBoy Instrumente und basteln und schrauben an eigenen Songs. Hieraus entstand sogar eine ganze Szene, von dieser fand man lange Zeit auf mehreren Websites eine ganze Menge an Downloads mit einer großen Bandbreite an Songs. Ich bin ja selber über den Bitjam Podcast das erste Mal mit solchen Werken in Kontakt gekommen, später fand ich ganze Sampler wie z.B. auf http://www.8bitpeoples.com. Alles frei und kostenlos verfügbar, was natürlich reichlich zum Stöbern einlädt.

Um Euch mal ein Bild zu verschaffen, verlinke ich nun einige meiner Lieblingssongs, die ich so gefunden habe:

Dass das ganze auch Live funktioniert, kann man hier sehen:

Sehr unterhaltsam sind auch sämtliche 8-bit Remixe von neuen Liedern, welche selbst komplexe Metal-Lieder auf ein Minimum reduzieren:

Es ist aber nicht nur ihre Einfachheit, welche mich fasziniert. Chiptunes sind ja im Grunde genommen eine Unterkategorie von Minimal Elektro, mit welchem ich dagegen meist weniger etwas anfangen kann. Die Klangfarben sind geprägt von Erinnerungen und lassen mich in eine besondere Welt eintauchen, die ich fast schon wieder vergessen habe. Gerade auf der Arbeit lasse ich mein Werkeln immer wieder gerne von dieser Art Musik antreiben. Wenn auch bloß durch Kopfhörer, denn viele werden wohl für immer davon genervt sein... Deshalb auch meine Sorge, dass wenn wir Kinder der 70er und 80er erst einmal nicht mehr sind, vielleicht auch dieses Genre mit ins Grab nehmen. Denn zukünftige Generationen werden diese Faszination wohl niemals nachvollziehen können, zumindest nicht so wie wir. Wir saßen damals im Pyjama auf dem Teppichboden und spielten stundenlang mit dem Original. Daher halte ich meine Chiptunes in Ehren und versuche es vielleicht eines Tages ja doch, mein Kind für ein NES zu begeistern.

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