Kolumne

Das Shenmue-Ritual

Alle Weihnachten wieder...

Da kam er wieder bei mir vorbei geschneit, der heilige Geist der vergangenen Weihnacht, und mit ihm wehte auch dieses Jahr eine leidenschaftliche Brise Nostalgie in die warme Stube herein. Erinnerungen an das beste Weihnachtsgeschenk, das ich jemals auspacken durfte, kehrten zurück, schickten mich auf eine spirituelle Reise - und da stand ich, vor dem Weihnachtsbaum - neben meinem alten Ich - ganz hibbelig freute ich mich mit mir, als wären wir wieder im Vorschulalter. Mein Wunsch wurde erhört, denn sie lag da, unter all dem Lametta, mit buntem Geschenkpapier verpackt, die SEGA Dreamcast!!!

Weihnachten 2000

Vor dem geistigen Auge sehe ich es noch heute: Es war Mitte November, mein Kumpel brachte seine Dreamcast mit zu mir und haute mich mit „Dead or Alive 2“ direkt aus den Socken. Das war Liebe! Liebe auf dem ersten Klick. Den PC steckte sie grafisch locker in die Tasche, der zu dem Zeitpunkt nur wenige 3D-Objekte darstellen konnte, weshalb vor allem Charaktere noch sehr polygonarm waren. Einzelne Finger? Iwo! Die Hand war ein einziger Klotz, mit matschiger Textur überzogen. Bei "Dead or Alive 2" konnten endlich einzelne Finger darstellen werden, ästhetisch rund. Die Videospielwelt war für mich nicht mehr dieselbe. Vertonungen waren zuvor noch ziemlich selten, NPCs waren brave Zeitgenossen, die den ganzen virtuellen Tag an Ort und Stelle verweilten, nur, um auf den Spieler zu warten. Auch war mittlerweile ein gewisser Stillstand in der PC-Welt zu spüren. Cineastisch inszenierte Spiele zu der Zeit? Ich wüsste keines, umso überwältigter war ich von so manchen Dreamcast-Titeln, die mehr als einen Schritt weiter gingen -  insbesondere mein persönliches Hightlight der Dreamcast-Ära: Shenmue!

Nach Weihnachten kam mein Kumpel erneut vorbei, hatte vom Weihnachtsmann Shenmue bekommen, es durchgespielt und lieh es mir aus. Ich legte es ein und war überwältigt von der Grafik, aber auch überfordert. Zum einen, weil meine Englisch-Kenntnisse damals noch ziemlich mies waren, die Sprachbarriere ließ mich nicht in Ryo Hazukis Abenteuer einsteigen. Zum anderen war da noch das damalige, altbackene Gameplay gewohnt, ohne große Möglichkeiten. Jeder Gegenstand war in einem Videospiel von Bedeutung, entweder als Lebensenergie oder als Schlüssel. Shenmue stieß mit dem Millennium in ein neues Videospiel-Zeitalter vor, bot Gegenstände, die dem Ambiente dienten, so auch ein simpler Kaugummiautomat, der in den ersten Spielminuten schon das Interesse des Spielers auf sich zog. Man kennt diese Szene aus einem Cartoon - um die Handlung ein wenig vorwegzunehmen: Ryo Hazuki ist auf der Jagd nach dem Mörder seines Vaters (dazu gleich mehr), bleibt aber am Kaugummiautomaten hängen und verliert sein eigentliches Ziel. Exakt so ist es mir ergangen.

Ich sah den Automaten, die Kaugummikugeln und ein paar billige Spielsachen darin. Habe meine virtuelle Kohle investiert und auch den einen oder anderen Gegenstand aus dem Automaten bekommen, aber wozu?! Ja… wozu… ich war verwundert, richtig perplex, sah die Zeit, die ich an einem Automaten vergeudet hatte und neben dem Kaugummiautomaten einen Getränkeautomat. Das war mir zu viel, die große Spielwelt, die vielen vielen Interaktionen, Shenmue schreckte mich damals sehr schnell ab und so gab ich das Spiel meinem Kumpel zurück.

Weihnachten 2006

Derweil hatte ich einen riesigen Fehler begangen, habe meine geliebte Dreamcast verhökert. Ich war jung, brauchte das Geld - klingt abgedroschen, aber so war das Schicksal als Schüler nun einmal, wenn man etwas Neues haben wollte (die GameCube - zum Release, bei dem mäßigen Spieleangebot *autsch*). Was für ein Schicksal, aber der Geist der vergangen Weihnacht hatte Mitleid mit mir und stattete mir zum ersten Mal seinen Besuch ab. Eine tiefe Melancholie breitete sich in mir aus, die erst wieder Ruhe gab, als ich mich dazu entschloss, mir die Dreamcast erneut zuzulegen.

Weihnachten 2007

Seit 2006 vergeht keine Weihnachtszeit, in der ich einen Dreamcast-Titel kaufe, schließlich gab es ja damals auch so viele Spiele, die ich mir allesamt niemals leisten konnte, aber wert waren, nachgeholt zu werden. So stieß ich 2007 über Shenmue. „Hm… Shenmue?“ Dachte ich mir, wieso eigentlich nicht?! Es wird ja doch oft als eines der besten Spiele gelobt und so schlug ich zu. Und siehe da, ich war endlich bereit, bereit in dieses fantastische Spiel einzutauchen:

An einem verschneiten Tag, als Ryo Hazuki heimkehrt, wird er Zeuge, wie sein Vater wegen eines mysteriösen Spiegels von einem Fremden getötet wird. Auch Ryo wird ausgeknockt, erholt sich aber schnell. Erfüllt von Rachsucht, liegt es nun am Spieler, sich in der Nachbarschaft umzusehen um Hinweise auf den Unbekannten zu bekommen.

Spielerisch ein unglaublich moderner Auftakt, der sogar heute noch locker mit aktuellen Spielen mithalten kann - von der Grafik mal abgesehen, die ist zwar in die Jahre gekommen, hat aber gewiss seinen ganz eigenen Charme. Rückblickend ist es einfach unglaublich, was die Entwickler mit Shenmue auf die Beine gestellt haben, wie liebevoll Shenmue umgesetzt wurde. Wohl gemerkt, eine Vertonung war zu dem Zeitpunkt selten. Dass man beinahe sämtliche NPCs ansprechen kann und diese sogar vertont antworten, ja, das ist ja sogar heute noch, 11 Jahre nach dem Release von Shenmue, bei weitem keine Selbstverständlichkeit. Die Welt von Shenmue ist vollgestopft mit interaktiven Gegenständen, wie dem Kaugummiautomaten, einer Videospielhalle, einem Supermarkt, wer also AAA-Batterien kaufen kann, braucht nur in den Supermarkt zu gehen. Auch das Mobiliar in Ryos Haus lässt sich durchsuchen, Schubläden herausziehen, Türschränke öffnen. Ein Tag-Nacht-Zyklus wurde ebenfalls glaubhaft simuliert, NPCs gehen ihrem Treiben nach, nicht nur zu Fuß, sondern fahren auch mit Mofas durch die Straßen. Auch streunende Katzen und andere Tiere füllen die Spielwelt. Bemerkenswert ist auch, dass es öfters mehrere Lösungswege gibt, um an Informationen heranzukommen. Bei der Suche nach einer gewissen Lagerhalle kann man sie durch simples Herumfragen finden, lange Laufwege aber spart ein simper Telefonanruf bei der Auskunft. Verblüffend, vor allem für ein Spiel aus dem Jahre 1999.

Um Shenmue mehr Leben einzuhauchen, wurde etwas ganz alltägliches aufgegriffen: die Arbeit. Tatsächlich muss man im Handlungsverlauf als Hafenarbeiter arbeiten, um Geld zu verdienen und auch um an Informationen zu gelangen. Nicht nur einmal, sondern jeden virtuellen Arbeitstag ruft die Pflicht, klingt lästig? Macht Shenmue aber glaubhafter, authentischer und lebendiger als nahezu jedes andere Videospiel.

Shenmue ist ein Meisterwerk, das vor allem wunderbar in die Weihnachtszeit passt, da es in eben jener Jahreszeit spielt. Leise rieselt der Schnee, ein Weihnachtsmann schwingt auf den Straßen fröhlich die Glocke. Eine fantastische Atmosphäre, jenseits des Racheepos, weshalb ich Shenmue schon mehrmals zu Weihnachten einlegte.

Benny

Der Geist der zukünftigen Weihnacht

Ja, vor ihm habe ich eine gewisse Angst, denn ich kann mir seine dunkle Stimme lebhaft vorstellen.,„Benny“, wird er sagen, „Shenmue 3 wird es leider auch in 1000 Jahren nicht geben“. Tatsächlich wurde die einst als Trilogie geplante Reihe bislang nicht komplettiert. Soll heißen, die Serie endet abrupt mit einem Cliffhanger, eine Tragödie, die Shenmue einfach nicht verdient hat. Viele Fans von Shenmue (mich inbegriffen) warten seit Jahren sehnsüchtig auf den dritten und abschließenden Teil. Sicher, die Verkaufszahlen stimmten damals nicht, das Projekt war äußerst teuer, weit davon entfernt, die Kosten wieder einzubringen. Und der Versuch, Shenmue 2 nochmals auf der Xbox Classic bekannt zu machen, floppte, wegen der Grafikbesessenheit des heutigen Mainstreams. Aber solange der Vater von Shenmue, Yu Suzuki, das Interesse weiterhin hegt, Shenmue irgendwann angemessen abzuschließen, was er ja immer wieder bekräftigt, solange besteht noch Hoffnung. Zumal dank Yakuza, einem sehr ähnlichen Titel, der allerdings die Qualität von Shenmue nicht ganz erreicht, eine prächtige Grafikengine zur Verfügung steht.

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