Anime

Proto Anime Cut in Dortmund

Ausstellung

Anime-Freunde und Bewohner Nordrhein-Westfalens dürfen sich gerade freuen, denn der Hartware MedienKunstVerein holt Anime-Urgestein nach Deutschland. Das Gebäude, welches Ihr auf dem Photo links seht und vermeintlich einen großen Magneten auf der Spitze trägt, ist das Dortmunder-U. Neben dem Hartware MedienKunstVerein beherbergt es u.A. Räume der Technischen Universität Dortmund und wirkt schon von weiten höchst interessant wegen den Scheiben des Turms, welche gleichzeitig Monitore sind und z.B. Figuren um die Spitze herumtanzen lassen.

Nachdem man die Ausstellung im dritten Stock erreicht hat, bekommt man den Eindruck, dass sie chronologisch geordnet sein könnte. Linker Hand beginnend mit den eher klassischen Anime wie Ghost in the Shell und Patlabor, rechter Hand weitergeführt über die Kurzfilme von Koji Morimoto bis zu Hideaki Annos Epos: Neon Genesis Evangelion.

Wenn man sich diesem Fluss anschließt, wird man von einem Einleitungstext und einer Grafik begrüßt, die von Wings of Honneamise (1987) bis Ghost in the Shell 2 (2004) die verschiedenen Projekte zeigt, an denen die ausgestellten Künstler zusammengearbeitet haben. Dreht man sich nun um, blickt man auf die Photografien von Haruhiko Higami, seines Zeichens Loacationscout. Hier bekommt man Aufnahmen zu sehen, welche die verlassenen Lagunenkanäle von Tokio, den Trubel der Märkte Hong Kongs oder das bunte Treiben eines Straßenfestes in Taiwan wiedergeben. Wie seine Berufsbezeichnung schon andeutet, ist Higami unterwegs gewesen um Vorlagen und Inspirationen für Oshiis Filme zu suchen. Einige Perspektiven finden sich quasi 1:1 auf der Leinwand wieder. Wie das Beispiel rechts, welches Vorbild einer Szene von Ghost in the Shell 1 war.

Nach dem Späher trifft man als nächstes den Architekten der Visionen Oshiis: Takashi Watabe. Dieser zeigt sich nicht nur für die penibel detaillierte Zukunftsvision von Patlabor verantwortlich, sondern auch für die Welt des Manga Sarah. The Legend of Mother Sarah ist eine postapokalyptische Erzählung von Katsuhiro Otomo (Akira, Steamboy), gezeichnet von Takumi Nagayasu und designt von Watabe. Bevor Nagayasu begann die einzelnen Bilder für die Geschichte zu zeichnen, machte Watabe Zeichnungen davon, wie die Welt der Geschichte auszusehen hatte. Er legte die Wüste, Krater und Berge fest, wie auch Technologie und Werkzeuge, Raumschiffe, Flug- und Fahrzeuge. Alles mit Richtungsangaben und Hinweisen zur Funktionsweise.

Nach kleinen Kostbarkeiten wie den Notizbüchern Watabes hat man sich um den äußeren Ring der linken Seite gearbeitet. Im inneren Kreis werden Ausschnitte von Patlabor 1, Ghost in the Shell 1 und 2 gezeigt. Diese Ausschnitte sind so gewählt, dass der Besucher danach die einzelnen Bauteile in der Ausstellung erforschen darf. Dazu gehören neben den bisher genannten Photos und Designs auch die Hintergründe gemalt von Hiromasa Ogura. Dieser sorgt mit seinem Können dafür, dass die Orte im Film nicht nur Plätze sind in denen die Figuren agieren, sondern, dass sie auch selbst in der Lage sind zu erzählen. Die Details, die Ogura mit Farbe, Licht und Textur herausarbeitet erzeugen den Eindruck von Leben welches den Gebäuden, Straßen und sonstigen Objekten seinen Stempel aufdrückt. Egal ob es nun um die vor Hitze brütende Stadt von Patlabor 1 geht oder die verregneten Häuserschluchten von Ghost in the Shell 1.

Diese, noch größtenteils klassisch und mit vergleichweise wenig Computereinsatz hergestellten Anime, stellen also den ersten Teil der Ausstellung dar. Auf der Mitte der Räumlichkeiten befinden sich die Arbeiten von Koji Morimoto, dem Gründer des Studio 4°C. Wie Oshii ist auch Morimoto an Klassikern beteiligt gewesen, wie z.B. Akira (1988), verdient aber eine Sonderstellung. Morimoto ist in der Lage, alle Schritte der sonst aufgeteilten Anime-Produktion selbst auszuführen. Diese Fähigkeiten nutzt er für Kurzfilme und Musikvideos. Solche Arbeiten bieten durch ihre kurze Laufzeit die Möglichkeit, tatsächlich den Überblick und die Kontrolle über alles behalten zu können. So macht Morimoto die ersten Skizzen mit Bleistift, Copicmarkern und Co aber auch das Festlegen der Handlung im Storyboard, die Licht- und Farbstimmungen im Moodboard, sogar einzelne Animationen der Charaktere und Teile des Compositing. Zwei Beispiele, die man davon bei Proto Anime Cut zu sehen bekommt, sind sein Kurzfilm Dimension Bomb aus der Sammlung Genius Party und das Musikvideo EXTRA, das er 1996 für den Techno-DJ Ken Ishii schuf.

Im letzten Teil der Ausstellung befinden sich weitere Bauteile aus Koji Morimotos Werken, wie z.B. Moodboards und einzelne Animationen aus EXTRA und der letzte Künstler: Hideaki Anno. Annos Neon Genesis Evangelion hat einen großen Beitrag dazu geleistet, das Medium Anime für alle Beteilligten spannend zu halten, z.B. durch den effektiven Computereinsatz und psychologische Untertöne. Wie auch bei Oshii spielen bei Anno die Hintergründe, also die Umwelt, eine wichtige Rolle in der Erzählung. Wo Oshii Stimmung erzeugt und den Betrachter bewusst fragend zurücklässt, macht Anno gezielte Aussagen. Die zentrale Stadt in Neon Genesis Evangelion ist in der Lage, sich komplett einzuigeln und in ein Bollwerk gegen Eindringlinge zu transformieren. Alles mit demselben realistischen Anspruch den schon Oshii und Watabe in ihren Werken an sich selbst hatten. Teile dieses überzeugenden Designs wie auch Ergebnisse der Zusammenarbeit mit Watabe befinden sich in diesem finalen Abschnitt. Natürlich mit Szenen aus Neon Genesis Evangelion um die ausgstellten Bauteile in Aktion zu sehen.

Die Photos in diesem Beitrag und auch meine Ausführungen stellen nur einen Bruchteil dieser außergewöhnlichen Ausstellung dar. Wer diese Woche noch Zeit hat oder gar in Dortmund wohnt, sollte sich dringend überlegen, ob er nicht ein paar Stunden und gerade mal fünf Euro für diesen Einblick investieren möchte. Denn: Zu der Ausstellung gibt es auch ein Buch, welches vielleicht noch länger für 40 Euro zu haben ist, aber nicht alle Ausstellungsstücke enthält und schon garnicht alle interessanten Informationen, welche die Führungen und Gespräche mit dem Personal bereit halten.

Videoaufzeichnung in Dortmund mit meinem Mobile:

Bene

Vielen Dank

...an alle Beteilligten, die diese seltene und hochwertige Ausstellung möglich gemacht haben. Bis zum 09.10.2011 residiert Proto Anime Cut noch in Dortmund, danach zieht man weiter nach Barcelona und Madrid. Alle weiteren Information bekommt ihr auf der Homepage des Hartware MedienKunstVereins.

Alle Rechte vorbehalten.
Die Copyrights von Ton- und Bildmaterial liegen bei den jeweiligen Verleihern, Verlagen, Labels, Studios und Künstlern.