Rückblick

Alter Schinken schmeckt uns immer noch!

Kung Fu Filme im Überblick

So mancher Film-Enthusiast findet irgendwann ein bestimmtes Genre für sich, welches ihn immer wieder auf's Neue begeistert und ihn teilweise sogar so manche Defizite ausblenden lässt. Als eingefleischter Fan von Martial-Arts-Filmen blendet man dann auch schon mal öfter die zweckmäßige, teilweise fast schon gar nicht vorhandene Geschichte aus, wie ein verliebter Mensch den großen Leberfleck im Gesicht des Partners. Doch warum faszinieren uns ellenlange Kung Fu-Choreografien, junge Männer mit schlechten weißhaarigen Perücken und wieso fliegen einige Darsteller über die Kinoleinwand an Seilen, als wäre die Augsburger Puppenkiste für Erwachsene neu aufgelegt worden?

Herr Lee, wir haben zu danken!

In den 70ern hat damals alles begonnen... der eigentlich jedem bekannte Chinese Bruce Lee brachte uns mit seinem internationalen Erfolg eine riesige Welle an Martial-Arts Filmen ins Haus und die überwiegend männlichen Herzen schlugen plötzlich höher, als ob jeder von ihnen eine Testfahrt über den Nordring gewonnen hätte. Die sehr günstig produzierten Eastern brachten damals in den B-Movie Kinos scheinbar genug Umsatz, sodass sie ein gutes Jahrzehnt lang in Massen produziert wurden und Filmstudios wie Shaw Brothers reihenweise Kung Fu-Kämpfer in Schauspieler konvertierten (mal mehr, mal weniger erfolgreich).

Nachdem dann sogar der Westen anfing Martial-Arts Filme zu produzieren und uns mit Stars wie Jean-Claude Van Damme und Co bestrafte, flachte natürlich der Boom dann auch mal ab. Erst Anfang des 21. Jahrhunderts verhalfen die vom Budget her mit den alten Schinken kaum noch vergleichbaren Filme wie Hero (2002) oder Tiger and Dragon (2000) dem asiatischen Kampf-Film zu neuen Höhen. Das tat auch wirklich Not, nachdem "Jackie Chan-Film" zum neuen Synonym für Martial-Arts Filme wurden und Witze und Humor scheinbar fester Bestandteil des Genre geworden waren. Der künstlerische Ansatz, hauptsächlich hervorgehoben durch das Unterstreichen der Kultur, ästhetisch hochwertiger Kulissen und atmosphärischer Musik, überzeugte die Couch Patatoes und plötzlich suchte selbst der größte Pazifist wieder seine Nunchucks und das alte Bruce Lee T-Shirt auf dem Dachboden.

Bruce Lee haben wir heute nicht nur einen großen Katalog an sehenswerten Kampffilmen zu verdanken, in Anbetracht seiner Pionierarbeit könnte man Rückschlüsse darauf ziehen, dass uns wahrscheinlich sogar das asiatische Kino, welches mittlerweile nicht nur Action-Filme hervorbringt, verwehrt geblieben worden wäre. An der italienischen Film-Industrie kann man sehen, dass die Filmkultur in einigen Ländern auch stark zurückgehen kann... die alten qualitativ vielleicht nicht überragenden Kung-Fu Schinken hatten jedenfalls ihren Einfluss auf die asiatische Filmindustrie und haben somit vielleicht ein klein wenig Respekt verdient, selbst wenn die meisten Menschen dabei müde lächeln als würden sie nach 18 Stunden Arbeit endlich ins Bett fallen.

Gewalt ist meine Lösung

Zwar wird die Handlung in Martial-Arts Filmen meist durch Handgreiflichkeiten vorangetrieben und der Protagonist steckt in der Rolle des Rächers (aka. "Du hast meinen Meister getötet!") oder des kämpfenden Retters, doch viele der Filme verfolgen auch von ihrer Aussage her die Grund-Philosophie von Kung Fu. Oft geht es darum das Gleichgewicht zu finden, alle Menschen zu respektieren, das Töten zu vermeiden und immer die Ruhe zu bewahren. Mit der Gewaltverherrlichung, die wir in so manchen Kriegsfilmen oder ähnlichen Genres sehen, hat das also nicht unbedingt mehr viel zu tun. Daher ist dieses Vorurteil meist unbegründet, allerdings nachvollziehbar, wenn man bedenkt das Viele nur nachts beim Durchzappen für ein bis zwei Minuten kurz hängen bleiben und dann wahrscheinlich sogar in einer Kampfszene landen, wo kleine, drahtige chinesische Männer sich mit hellen Stimmen im Rhythmus anstöhnen... ok, blenden wir das aus, aber Ihr wisst worauf ich hinaus wollte, richtig?

...und genau darum muss man es lieben!

Doch was macht einen guten Martial-Arts Film aus? Nun natürlich werden in dem Genre unterschiedliche Ansätze verfolgt: Wo die Einen sich vielleicht an durchgeschwitzten, durchtrainierten Männerkörpern erfreuen, suchen die Anderen mehr das Gefühl, Gewalt unter Kontrolle halten zu können mit Ruhe und Harmonie. Genauso wie es im Kampfsport die Proleten-Schiene gibt, hat man hier auch die sehr meditativen und philosophischen Gegenmodelle. Oft auch ist es für einige ja eine gute Unterhaltung, mal den Kopf ausschalten zu können und einfach nur unterhaltsame Action anzuschauen. Andere wiederum möchten ihren Kopf benutzen und setzen sich mit den Kampfsportarten detailliert auseinander und analysieren mit Freunden wohl choreografierte Kämpfe. Weiterer Grund könnte auch die Flucht aus dem Alltag sein: Eine kleine Reise ins chinesische Mittelalter, wo die Welt scheinbar einfach gestrickt und Probleme innerhalb von Minuten lösbar waren, plus das leckere Essen, das gute Wetter und die dörfliche Idylle - das alles schafft eine wohlige Atmosphäre. Ein wenig wie im lokalen China-Restaurant.

Nicht umsonst haben sich viele Elemente nun langfristig in alle möglichen Film-Genre eingeschlichen. Sei es in Form von Hommagen, wie in Quentin Tarantinos "Kill Bill" oder für Choreografien aus China eingeladene Spezialisten, um Filme wie z.B. "Matrix" anspruchsvoller zu gestalten. Zwar musste der Markt über die Jahrzehnte einiges an schrecklichen Filmen wegstecken, aber auf lange Sicht kann man ruhigen Gewissens behaupten, dass das Martial-Arts Genre letztendlich einiges für die Filmkultur getan hat.

Volle Bandbreite

Tatsächlich ist das Genre breit gefächert: So stehen einem einige Klassiker zur Auswahl, welche überwiegend im alten China spielen und oft die Geschichte junger, leichtsinniger Tu-nicht-gute erzählen, die durch einen Meister über sich hinauswachsen und endlich etwas im Leben finden, woran sie festhalten können. Andere asiatische Martial-Arts Filme verfolgen wiederum mehr eine fantastische Richtung, in der die Protagonisten mit übermenschlichen Fähigkeiten ausgestattet sind oder sich übernatürlichen Dingen wie Geistern stellen müssen.

Wer es gerne etwas härter mag, findet vielleicht im thailändischen Kino sein Backenfutter: Hier wird oft auf Seile oder computergenerierte Hilfsmittel verzichtet und die Stunt-Männer  stellen sich waghalsigen Situationen gegenüber. Wie viel man aus der Richtung noch zu erwarten hat, hängt wohl auch ein wenig damit zusammen, ob der Star Tony Jaa wirklich im Kloster bleibt... (die Arbeit als Regisseur an seinen letzten beiden Filmen hat ihn ja etwas demotiviert). Vielleicht tritt ja auch Yanin „Jeeja“ Vismistananda aus "Chocolate... süß und tödlich!" in seine Fußstapfen, welche in dem Film athletisch glänzte. Wobei auch hier die Kampfkünste an sich, zu Recht, im Vordergrund standen.

Auch der Westen war lange bemüht Martial-Arts auf die Mattscheibe zu bringen: Zum Einen gibt es viele Filme mit Jean-Claude Van Damme oder Steven Seagal, welche im Gegensatz zu ihren asiatischen Pendants einen viel höheren Action-Anteil haben und oftmals werden Kampfszenen durch den Einsatz von Explosionen und Schusswaffen-Einsätze ergänzt. Wer es gerne trashig mag, sollte dann auch gleich zu den Videospiel-Verfilmungen rüberschielen: Filme zu Spielen wie Street Fighter, Tekken oder Mortal Kombat sind in der Regel nicht sehr anspruchsvoll inszeniert und nicht selten unfreiwillig komisch.

Eine sehr merkwürdige Mischung stellen die vor allem in den 80ern veröffentlichten Kinderfilme dar, welche versucht haben, asiatische Elemente mit den Hollywood-Filmen zu kombinieren. Neben dem berühmten "Karate Kid" führte der Weg auch zu skurrilen Produktionen wie "Kung Fu Panda" und der Teenage Mutant Hero Ninja Turtles-Trilogie. Und apropos Ninjas: Eigentlich hätte man jetzt auch gut auf die ganze Ninja-Film Welle damals eingehen können, aber da fehlt es unserer Redaktion an Referenzen - und der Fokus liegt in solchen Filmen auch nicht all zu sehr auf der Kampfkunst.

Zu erwähnen wäre auch noch die Kung Fu-Film Parodie "Kung Pow" von Steve Oedekerk - nicht der witzigste Film der Welt, aberKenner werden dort einige Anspielungen finden und könnten sich, solange sie ihn im O-Ton schauen, an so manchen Stellen amüsieren. Allein das Konzept, einen alten Film neu zusammenzuschneiden und sich per Blue-Box rein zu retuschieren, ist zumindest mal einen Blick wert.

Nach mehr als 20 Jahren Martial Arts-Filme Schauen, haben wir für Euch unsere Highlights zusammen getragen. Wer jetzt mal wieder Lust auf spannende Kämpfe hat sollte vielleicht einmal abgleichen, ob er die folgenden Film-Tipps schon alle kennt und in den Kommentaren auch ggf. eigene Tipps vorschlagen.

Kleiner Tipp noch, weil sie es nicht in unsere Liste geschafft haben: Die legendären Bruce Lee Filme findet man online als legalen Stream (Bei Sevenload & Co). Nachholen!

Martial-Arts Filme, welche Euch CouchCastle empfiehlt:


Ip Man 1, 2 und Zero (2008 - 2010)

Kampfkünste: Wing Chun | Darsteller: Donnie Yen

Auch wenn die Story hier im Vergleich zu anderen großen Werken aus der Film-Geschichte wieder recht simpel ausfällt, so schafft es diese Trilogie nicht nur Kämpfe packend, ästhetisch und schnell darzustellen, die Charaktere und die Handlung wissen auch Menschen zu überzeugen, welche sich normalerweise mit vielen Kung Fu-Filmen unwohl fühlen. Super episch: Ip Man nimmt es sogar mit "zehn" auf!


Hero (2002)

Kampfkünste: Diverse, Waffen |  Darsteller: Jet Li

Wie schon geschrieben, ebnete dieser Film dem Martial-Arts Kino den Weg für viele neumodische asiatischen Kampffilme. Er war nicht nur zu seiner Zeit die teuerste Filmproduktion, die in China jemals gedreht wurde, er überzeugte die Zuschauer durch großartige Bilder und einer verschachtelten Handlung. Berühmteste Szene ist wohl der "Tanz" im Pfeil-Hagel.


Ong Bak (2003)

Kampfkünste:  Muay Thai | Darsteller: Tony Jaa

Von allen Ong Bak-Teilen wohl der Einzige, den wir ernsthaft zu den Must-Sees zählen. Die Story ist zwar nur zweckmäßig und die schauspielerische Leistungen von Herrn Jaa sind zwar auf ein Minimum reduziert, aber die Kämpfe sind sehr sehenswert: Hier bekommt man schöne Duelle zu sehen und eine Kostprobe davon, wie gut sich Muay Thai auf der Leinwand macht. Einige knacken Kokosnüsse, Tony Jaa eher Motorrad-Helme mit seinen Ellbogen.


Fearless (2006)

Kampfkünste: Diverse | Darsteller: Jet Li

Dieser Film erzählt vom legendären "Huo Yuanjia", der sich gegen mehrere agressive Ausländer durchsetzte und anscheinend unbesiegt blieb. Angelegt wie ein passendes Prequel zu Bruce Lees "Fist of Fury" wurde hier die Lebensgeschichte einigermaßen frei interpretiert. Neben spannenden Kämpfen erzählt dieser Film auch von Selbstdisziplin und  Toleranz. Stark empfehlenswert!


Drunken Master (1994)

Kampfkünste: Drunken Boxing | Hauptdarsteller: Jackie Chan

Wahrscheinlich einer der wichtigsten Filme für Jackie Chans Karriere: Dank des hohen Unterhaltungsfaktor des betrunkenen Kampfstils und Jackies Charisma schaffte es dieser Film, einige Menschen mehr zu erreichen, als die bierernsten Alternativen. Zu den Highlights gehört wohl auch der 20-minütige Endkampf. Jackie spielt hier mit 40 einen 20-jährigen Jungen, dessen Vater im Film gerade mal unwesentlich älter ist. Reis-Schnapps als Jungbrunnen?


Iron Monkey (1993)

Kampfkünste: Diverse | Hauptdarsteller: Donnie Yen

Wo andere Filme versuchen möglichst auf Seil-Unterstützung zu verzichten, treibt Woo-ping Yuen es hier auf die Spitze und verabschiedet sich komplett von der Erdanziehungskraft. Wer mal Lust auf total übertriebene Kämpfe mit einem leicht trashigen Unterton hat, bekommt hier wohl genau das Richtige. Nur schade, dass die Deutschen mit der Synchronisation ein paar plumpe Witze in die Dialoge zu schmuggeln...


Contract Killer (1998)

Kampfkünste: Diverse | Hauptdarsteller: Jet Li

Viele Jet Li Filme aus Hollywood wie "Romeo Must Die" kommen bei unserer Redaktion nicht sonderlich gut an. Aber dieser neumodische Action-Film, der in Hong Kong produziert wurde, hebt sich dann doch davon ab. Der typisch alberne chinesische Humor ist nicht jedermanns Sache, aber die gut inszenierten Kämpfe sind jedenfalls ein Blick wert.


Die Schlange im Schatten des Adlers (1978)

Kampfkünste: "Tigerpranken-Stil" | Hauptdarsteller: Jackie Chan

Ähnlich wie "Drunken Master" gehört wohl dieser Film zu den Must-Sees für jeden Jackie Chan-Fan. Natürlich merkt man dem Film sein Alter an, und doch weiß er heute nach wie vor zu überzeugen mit der Mischung aus Humor und einer tollen Atmosphäre. Außerdem zeigt es sich wieder, wieso es sich lohnt, eine Katze als Haustier zu haben...

Alle Rechte vorbehalten.
Die Copyrights von Ton- und Bildmaterial liegen bei den jeweiligen Verleihern, Verlagen, Labels, Studios und Künstlern.