Review

Alice - Madness Returns

Alice - Madness Returns | Genre: Action-Adventure | Erhältlich für Windows, PS3, und Xbox 360

"Alice im Wunderland" hatte mich schon als Kind begeistert, nicht das Buch (wobei ich das Original von Lewis Carroll in der Tat mal nachholen sollte), sondern der Zeichentrick, genauer gesagt die Anime-Serie mit Alice' kleinem Freund, Benny Bunny. Jahre später habe ich es leider verpasst, selbst mit "American McGees Alice" virtuell ins Kaninchenloch zu krabbeln, aber das konnte ich nun mit "Alice Madness Returns" nachholen, zumal der Vorgänger dem Titel als HD-Version beiliegt.

God of Wonderland?

Tatsächlich war ich anfangs äußerst skeptisch. Die Optik gefiel mir sehr, aber von Trailer zu Trailer drängte sich der Verdacht auf, es hier mit einem Abklatsch à la "God of War" zu tun zu haben, ein Action-Adventure mit einem Tastenkombo-Kampfsystem. Überhaupt nicht mein Fall.

Mit "God of War 3" hatte ich zwar meinen Spaß, letztendlich aber nur dank der grandiosen Inszenierung, definitiv ein Einzelfall in der Summe aller Tastenkombovertreter. "Alice - Madness Returns" verlor also langsam an Interesse, bis anlässlich der diesjährigen E3 der Story-Trailer veröffentlicht wurde und mich schließlich herumgekriegt hat - ich musste das Spiel haben! Am Releasetag! Ich studierte erste Tests zum Spiel, die nicht gerade doll ausgefallen sind, aber egal, ich hatte im Nachhinein auch Spaß mit "Hunted - Die Schmiede der Finsternis", was vor ein paar Wochen ebenfalls von vielen Kritikern gnadenlos zerrissen wurde. Unbeirrt griff ich zu, kaufte mir das Spiel, legte es zu Hause ein und bin auf Anhieb für vier Stunden am Stück im Wunderland versunken - ein gutes Zeichen! Und ich muss zugeben, ich habe mich sehr in "Alice - Madness Returns" geirrt, kein "God of War" erwartete mich, sondern ein Jump'n'Run im Stil eines 3D-Aggro-Marios, der es sich nicht länger gefallen lässt, sich von den Gumbas umher schubsen zu lassen.

Auf Messers Schneide

Alice beweist, dass man auch an emanzipierten Frauen Gefallen finden kann, sie lässt sich nicht von ihren Widersachern unterkriegen, greift zum Messer und weiteren Waffen: Mit dem Steckenpferd prügelt sie auf widerstandsfähigere Gegner ein, während sie mit Pfefferkanone und der explosiven Teekanne ihre Feinde im Fernkampf bezwingt. Das Tolle dabei ist, alle Waffen können aufgelevelt werden und unterscheiden sich von Level zu Level sogar optisch. Die Waffen belegen jeweils eine der vier Haupttasten und werden simpel per Tastendruck ausgespielt. Hack'n'Slay trifft auf Jump'n'Run, eine erfrischende Kombi, vor allem, da die Jump'n'Run-Passagen und die Hack'n'Slay-Scharmützel mengenmäßig im Einklang sind und besonders erst genannte sauber von der Hand gehen. Bewegliche Plattformen, Windströmungen, Feuerwalzen, alle Zutaten eines guten Jump'n'Runners sind vertreten und werden um unsichtbare Plattformen erweitert, die Alice nur sehen kann, wenn sie sich verkleinert - was sie, Gott sei Dank, zu jeder Zeit tun kann, ohne irgendwelche nervigen Zauberpunkte einsammeln zu müssen. Hat sich der Spieler verkleinert, sollte er sich gut merken, wo sich die verborgenen Plattformen befinden, da sie schnell wieder von der Bildfläche verschwinden, wenn Alice ihre wahre Größe annimmt, die sie auch annehmen muss, da sie als Winzling nicht springen kann. Desweiteren zeigt sich "Alice - Madness Returns" ziemlich vielseitig, es gibt gegen Ende mehrere 2D-Jump'n'Run-Level, immer wieder (versteckte) Rätseleinlagen, Side-Scroller-Herausforderungen, Parcours, durch die der Spieler sich in Form eines abgerissenen Puppenkopfes rollen muss und auch lange Rutschpisten, die zum einen mit gefährlichen Hindernissen aufwarten und sich zum anderen besser steuern lassen, als bei "Mario Galaxy".

Engine pfui, Artwork hui

Optisch glänzt nicht die Grafikengine, wieder wurde die altbackene Unreal 3-Engine ausgegraben, dafür aber das gesamte Artwork, das seinen eigenen, durchgedrehten Charme hat und die mittelmäßigen Rahmenbedingungen der Unreal 3-Engine gekonnt kompensiert - auch wenn teilweise Texturen verzögert an Schärfe gewinnen und hin und wieder Objekte aufploppen. Die Welten unterscheiden sich optisch sehr und werden im Spielverlauf immerzu bizarrer. Den Anfang macht die noch saftig grüne und verträumte Idylle des Wunderlandes, weitere Blickfänger sind die spätere Unterwasserwelt, der Palast der Königin oder die Spielzeugweiten des Puppenmachers. Die Soundkulisse ist passend, die deutschen Sprecher machen einen ordentlichen Job, schade nur, dass die überall versteckten Erinnerungen akustisch zu laut abgemischt wurden und nicht separat leiser gestellt werden können. Alles in allem überzeugt die Technik, so dass die überaus interessante Geschichte ordentlich erzählt werden kann. Vielleicht hätte die Story wendungsreicher sein können, noch tiefgründiger, aber na ja, besser, als ewig die selbe Prinzessin zu retten, ist sie allemal.

Benny

Fazit

Ein Wochenende, und ich war durch. Nicht, dass "Alice - Madness Returns" zu kurz wäre, nein, ich wurde etwa 15 Stunden super unterhalten. Die Steuerung ging einfach wunderbar von der Hand, ermöglichte feinsten Jump'n'Run-Spaß, die Story fesselte, machte neugierig und vor allem die optische wie spielerische Abwechslung in den fünf Kapiteln konnte mich immer wieder motivieren, weiterzuspielen. Wer ein "God of War" erwartet, wird enttäuscht, Jump'n'Run-Fans hingegen sollten voll auf ihre Kosten kommen, wenngleich der 3D-Meister nach wie vor "Mario Galaxy" heißt. Und gibt es nach dem Ende einen ordentlichen Wiederspielwert? Bestimmt! Es gibt einfach zu viele Verstecke, als dass man sie alle beim ersten Turn entdecken könnte.

Wertung: 8.6

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