Review

Deadly Premonition

Genre: Survival-Horror | Plattform: X-Box 360

Du hast eine Affinität für undurchsichtige, aber spannende Storys? Du liebst abgedrehten Humor, vielschichtige, liebenswerte Charaktere und hast ein Auge für Details? Du hast auch die alten Resident Evil- und Silent Hill Teile förmlich verschlungen und sehnst dich endlich nach neuem Futter in der „Survival Horror“-Sparte?

Dann könnte der Nischentitel Deadly Premonition genau das richtige für dich sein!

Doch sollte man vorher wissen, dass kaum ein Titel so zu polarisieren weiß, wie das Xbox 360 exklusive Deadly Premonition, denn leider halten sich die positiven Aspekte in der Waagschale mit den negativen und die Ausrichtung beider Seiten hängt stark vom persönlichem Geschmack und vor allem von der eigenen Schmerzgrenze ab (außerdem erleichtert eine ordentliche Portion Sarkasmus und Verrücktheit im eigenen Wesen, den Konsum des Games ungemein). Demzufolge ist es schwierig eine objektive Betrachtungsweise darzulegen, ich werde also versuchen einige besonders prägnante Eigenschaften gegenüberzustellen, sodass jeder sich ein etwaiges Bild machen kann.

Auf die weit unter den heutigen Standards liegende Grafik möchte ich an dieser Stelle nicht eingehen, bekanntlich zählen ja die inneren Werte und dieses Motto, sollte man sich nicht nur bezüglich des Aussehens von Deadly Premonition immer wieder ins Gedächtnis rufen.

Die Geschichte spielt (ohne viel zu spoilern, denn die hoch interessante Story ist einer der positivsten und fesselndsten Faktoren an Deadly Premonition) in einem kleinem Dorf namens Greenvale, mitten in der amerikanischen Provinz. Eine hübsche junge Frau wurde brutal ermordet und ihre Leiche an einem Baum zur Schau gestellt. Aufgrund der sonst niedrigen Verbrechensrate Greenvales, tappen die dortigen Dorfsheriffs mit der Spurensuche im Dunkeln. Hier kommt Agent York Morgan, ein fähiger Profiler des FBI als spielbarer Charakter ins Spiel. Um ein besonders guter Profiler zu sein, muss man natürlich auch ein besonders großes Ding an der Waffel haben. Agent York in diesem Fall, hat permanent seinen imaginären besten Freund Zach dabei, mit dem er angeregt über gefundene Spuren, Frauen und ihre Eigenheiten oder über Spielfilmklassiker der 80-er Jahre „debattiert“. Außerdem eine wichtige Eigenschaft: Die Fähigkeit des herauslesens heißer Spuren zur Überführung des Täters und des Tageshoroskops aus dem täglichen Morgenkaffe. Wem das bisher schon zu hanebüchen und zu abgedreht klingt, sollte an dieser Stelle das erste Mal darüber sinnieren, ob er für Deadly Premonition auch wirklich zur richtigen Zielgruppe gehört.

Denn Agent York liest Spuren nicht nur aus seinem Kaffee, er hat auch die Fähigkeit die Tatorte in einer Art „dunklen Parallelwelt“ zu betreten und dort Hinweise zu finden, die jedem normal geartetem Profiler so wohl entgangen wären. Dabei wird er von diversen verlorenen Seelen mit schwarzen, leeren Augenhöhlen und deformierter Körperhaltung von der Arbeit abgehalten (ob man das Gegnerdesign als ausgefallen und gruselig oder gar als ulkig empfinden kann, ist an dieser Stelle wieder einmal schwer definierbar).

Steuerungstechnisch läuft das Ganze aus der Schulterperspektive und mit etwa gleicher Tastenbelegung wie bei Resident Evil 4 ab… nur hakeliger und unpräziser. Nach kurzer Eingewöhnungszeit schafft man es dann jedoch mithilfe des Auto Aimings und der FBI Pistole, welche übrigens über unendlich Munition verfügt (optional auch Einsatzmessern, Brechstangen, Schrotgewehren, etc.) und etwas Feingefühl, die Gegnerreihen flink zu dezimieren und tastet sich Schritt für Schritt durch dunkle Gänge und Gewölbe, sucht typisch für das Genre zum Beispiel nach Schlüsseln um Türen zu öffnen, repariert Generatoren um Fahrstühle in Gang zu bringen und löst regelmäßig originelle, aber simple Rätsel um vorranzukommen und entscheidene Hinweise für den Mordfall zu sammeln um diesen dann rekonstruieren zu können.

Die Entwickler lassen es sich dabei natürlich nicht nehmen, den Spieler ab und zu gekonnt zu „verarschen“. Beispielsweise wird verlangt, ein Schlüssel mit dem Anhänger einer ganz bestimmten Eichhörnchenart müsse gefunden werden. Im gleichem Atemzug wurden aber auch zig unnütze Schlüssel mit zig verschiedenen Hörnchenarten am Ort des Geschehens verteilt und bei jedem falsch gebrachten Schlüssel, muss der geläuterte Spieler erst einmal eine Predigt über die Eigenschaften von diesen und jenem Hörnchen über sich ergehen lassen. Nette Abwechslung zum tristen „finde den einzigen Schlüssel der hier rumliegt, um weiter zu kommen“.

Außerdem gilt es auch weitere Besonderheiten zu nennen: Agent York kann sich zu Fuß oder motorisiert (im GTA Style) frei durch die komplette Map bewegen (welche übrigens grottig zu navigieren ist und welche es einem kaum ermöglicht, seine Routen ordentlich zu koordinieren). Dann muss das benutzte Auto regelmäßig getankt und gewartet werden und York selbst sollte auch in gewissen Abständen mit Nahrung und Schlaf versorgt werden, denn sonst leiden seine Leistungen darunter. Außerdem kann man bei jedem der Dorfbewohner eigene Befragungen durchführen, Nebenquests annehmen (z.B. finde Objekt A für Person B und bring es ihr), Minispiele veranstalten (z.B. angeln) oder sich einfach an den Ganzen versteckten Anspielungen der Entwickler erfreuen (oder stören- Ansichtssache), sofern man denn genügend Auffassungsgabe besitzt, um diese auch als kleine Seitenhiebe auf andere Spiele und Genres zu erkennen. Um ein Recht offensichtliches Beispiel zu nennen: Wenn man die Pause Taste drückt, bekommt man ein „Gerümpel- Menü“, welches unter anderem eine gelangweilte Hirschjadgtrophäe über einem Kamin und eine Stehlampe beherbergt, aber offensichtlich an das „Virtual Reality“ von Agent Norman Jayden aus Heavy Rain, angelehnt ist. Wer solche Anspielungen auch sofort als diese erkennt mag das recht witzig finden, der weniger scharfsinnige wird sich wohl oftmals fragen: Was solln dat jetz?

Auch mir schien diese Auffassungsgabe allen Anschein nach größtenteils zu fehlen, denn vorrangegangene (unvollständige) Aufzählung an „Gimmicks“ klingen für den einen super und wie eine Bereicherung für den Spielfluss, jedoch ist für einen zwar toleranten, aber immer noch „Otto- Normal- Zocker“ wie mich, im Spiel eher das Gegenteil diesbezüglich davon zu spüren. Das viele unnötige rumfahren, regelmäßiges essen und schlafen oder gar das zum Vorankommen nötige angeln von Beweisstücken (wo übrigens per Glücksrad entschieden wird, was man letztendlich am Haken hat) ist in meinen Augen eher eine arge Spielspaßbremse. Wer Far Cry 2 gespielt hat weiß wie störend es ist, wenn man erst einmal gefühlte 20 Min über die komplette Map durchs Nichts kutschieren muss um zur nächsten Hauptquest zu kommen, vor allem wenn die Karte alles andere als Benutzerfreundlich ist oder einem der Tank unterwegs ausgeht, weil man einfach den direkten Weg zum Ziel nicht ordentlich planen kann, von der Fahrzeugsteuerung möchte ich erst gar nicht reden.

Bei all den (aber noch lange nicht vollständige genannten) Gründen, die die Waagschale bei mir auf der negativen Seite belasteten, warum habe ich mich dann 17 Std lang und dann auch noch innerhalb weniger Tage, durch dieses Game gequält, ja gar gezwungen? War es die spannende, aber undurchsichtige Story der etwas anderen Art, welche später noch richtige SAW Qualitäten annimmt und im Verlauf immer mehr Fragen aufwirft, anstatt sie zu beantworten? Die witzigen Dialoge mit den teils echt durchgeknallten aber symphatischen Dorfbewohnern? (ich werfe an dieser Stelle mal einfach die Begriffe, Topfdame und schwuler Hilfsherriff in den Raum). Der allgegenwärtige Sarkasmus, der (wohl nicht immer ganz beabsichtigte)geniale Humor des Abstrusen, ich sage nur: Todernste Stimmung, die brutal ermordete Leiche einer jungen Frau muss obduziert werden, alle beugen sich angespannt und betroffen von der Grausamkeit des Verbrechens über die Leiche und…. in genau diesem Moment spielen die Entwickler grausam poppige Jazzmusik ein, die locker aus einem 2te Klasse Porno geklaut sein könnte?! Bäm! Der hat gesessen!

Jessy

Fazit

Man sieht, die Liste der Dinge die dieses Game so besonders machen, ist nicht weniger lang als die Liste der Eigenschaften an denen man sich stören könnte, welche Deadly Premonition anheften und eine einheitliche Bewertung dadurch so gut wie unmöglich machen. Ein Erlebnis ist dieses Spiel ohne Frage, doch ob es ein tolles oder schlechtes wird, ist wohl jedem Spieler selbst überlassen. Denn obwohl sich beim Genuss dieses „Meisterwerks“ aufgrund von argen Gameplay- Hürden, teils Wut und Verzweiflungsanfälle einstellen können, die selbst dem besessenen Mädchen vom Exorzisten das fürchten lehren würden, möchte ich dem Spiel nicht einfach den Stempel „Finger weg“ aufdrücken, sondern lieber, sagen wir, eine begrenzte Empfehlung mit Hinweis auf diverse „Schönheitsfehler“ machen.

Die Entwickler sprühten offensichtlich nur so vor Ideen und wollten so viel wie möglich davon anwenden, doch wie sagt man so schön: Weniger ist manchmal mehr. In Deadly Premonition steckt weitaus mehr Potential und es hätte es wohl nicht schwer gehabt sich als absoluter Geheimtipp zu etablieren. Vor allem in Zeiten, wo die Qualität der Aushängeschilder des Genres wie Resident Evil, Silent Hill uns Co. immer weiter abnimmt. So festigt es aber seinen Standpunkt als solider Nischentitel, dem man nicht lobhuldigen sollte, den man aber durchaus in einem Sonderangebot mit nach hause nehmen und antesten sollte.

Wertung: 7.7

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